Ein Netz für die letzte Lebensphase

STERBEN ⋅ Palliative Care hilft dabei, den Umgang mit dem Tod zu verändern. Doch das bringt Herausforderungen mit sich. Darüber diskutierten Fachleute an der Jubiläumskonferenz des Forums Palliative Care Stadt St.Gallen.
03. Oktober 2017, 05:17
Nina Rudnicki

Nina Rudnicki

stadtredaktion@tagblatt.ch

«Palliative Care ist ein Trend. Und zwar einer, der gut für die Gesellschaft ist», sagt André Fringer, Professor an der Fachhochschule St.Gallen. Mit weiteren Experten war er als Referent zur Jubiläumskonferenz des Forums Palliative Care Stadt St.Gallen eingeladen. Der Verein wurde 2007 gegründet. Unter anderem erreichte er, dass vor vier Jahren die Fachstelle Palliative Care Stadt St.Gallen gegründet wurde. Finanziert wird sie von der politischen Gemeinde. Damit sind die Grundlagen für eine Palliative Care gelegt, die sämtliche Fachdisziplinen umfasst. An der Jubiläumskonferenz ging es daher um die Zukunftsvisionen. Fragen waren etwa, in welche Richtung sich die Palliative Care entwickeln soll und mit welchen Herausforderungen zu rechnen ist. Dabei fielen vor allem die Begriffe «Soziale Einsamkeit» und «Soziale Isolation» in der heutigen Gesellschaft.

Letzter Lebensabschnitt als Teil des Alltags

An diesem Punkt setzt Palliative Care an. Sie geht davon aus, dass der letzte Lebensabschnitt Teil des alltäglichen Lebens ist. Palliative Care kann bereits im frühen Krankheitsstadium beginnen, sobald keine Aussichten auf eine Heilung bestehen. Je weiter die Krankheit fortschreitet, desto stärker tritt der palliative Aspekt in den Vordergrund, also das Zusammenwirken aller involvierten Personen und Organisationen. Ziel ist es, die Lebensqualität der Betroffenen zu verbessern und nahestehende Bezugspersonen zu unterstützen. Palliative Care schliesst medizinische Behandlungen, pflegerische Interventionen sowie psychologische, soziale und spirituelle Unterstützung mit ein.

Die Betreuung wird für jeden Patienten individuell gestaltet: Familienangehörige und Freunde umgeben ihn, während der Hausarzt und Pflegefachpersonen die medizinische Versorgung und Pflege sicherstellen. Je nach Krankheitsverlauf und Bedürfnissen ergänzen Seelsorge, Sozialarbeitende, psychologische oder andere Fachpersonen die Betreuung. Sie bilden zusammen das betreuende Netz eines kranken Menschen in der letzten Lebensphase.

«Palliative Care ist somit eine Aufgabe der Gesellschaft und des Gesundheitswesens», sagt Daniel Büche, Leiter des Palliativzentrums am Kantonsspital St.Gallen. Er betont, wie wichtig es sei, dass Palliative Care nicht ghettoisiert werde, sondern mitten in der Gesellschaft stattfinde. Eine der grössten Herausforderungen sei es, Palliative Care zu professionalisieren, weil es sowohl zu wenig Hausärzte als auch zu wenig Pflegepersonal gibt. Gleichzeitig nimmt die Zahl älterer Menschen zu. «Es braucht also alternative Lösungen», sagt er. In der Ostschweiz könne man diesbezüglich besonders stolz sein. Mit dem Palliativen Brückendienst beispielsweise sei ein ambulanter Beratungsdienst geschaffen worden, der mit nur 300 Stellenprozent eine ganze Region betreue.

Im Durchschnitt zwei Wochen auf der Station

Spezialisierte Palliativ-Versorgung wie sie am Kantonsspital St.Gallen angeboten wird, benötigen nur 20 Prozent aller Betroffenen. Im Schnitt bleibt ein Patient 14 Tage auf der Palliativstation. Der Grossteil der Patienten kehrt danach nach Hause oder ins Alters- und Pflegeheim zurück, um zu sterben. Die übrigen 80 Prozent erhalten eine palliative Grundversorgung. Diese wird unter anderen von Hausärzten, von Pflegefachpersonen der Spitex sowie Alters- und Pflegeheimen und den mobilen Palliativdiensten geleistet. Eine wichtige Rolle spielen auch Nachbarschaftshilfe und die Unterstützung von Angehörigen. Büche fordert auf, Palliative Care als ganzheitliches System zu verstehen. Er sagt: «Palliative Care stärkt unsere Gesellschaft darin, Sterben als gemeinsame Endstrecke zu sehen.»


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