Drei Minuten Unendlichkeit

ARGENTINIEN ⋅ Lea Graber und Rafael Herbas führen eine Tangoschule und laden regelmässig zu Tanzabenden in der Stadt. Der Tango hat sie zusammengebracht und nicht mehr losgelassen. Eine Liebesgeschichte.
30. September 2017, 05:19
Roger Berhalter

Roger Berhalter

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Rafael Herbas hält die offenen Handflächen gegeneinander, lässt kaum einen Zentimeter Luft dazwischen. «So nah», sagt der 36-Jährige. So nah kommen sich Mann und Frau beim Tango, manchmal noch näher, bis der Tanz zur Umarmung wird. So viel Körperkontakt ist nicht jedermanns Sache. Auch Lea Graber musste sich zuerst an den traditionellen argentinischen Tanz gewöhnen. «Es war nicht Liebe auf den ersten Blick», beschreibt die 35-Jährige ihr Verhältnis zum Tango. Erst mit der Zeit sei er ihr vertraut geworden.

Vom Jurastudent zum Tanzlehrer

Auch Rafael Herbas fand erst spät zum Tango –obwohl er in Buenos Aires aufgewachsen war, wo der Tango herkommt und Teil des Alltags ist. «Wenn du dort in ein Taxi steigst, riecht es schon nach Tango», beschreibt Herbas das Gefühl, wenn man sich, fein angezogen, auf den Weg zu einer Milonga macht, einem Tangoabend, um sich dort mit anderen Tänzerinnen und Tänzern zu treffen. «Es geht um mehr als Tanzschritte. Man verschmilzt mit der anderen Person und der Musik», sagt Herbas mit seinem weichen argentinischen Akzent.

Er war 20 Jahre alt, als der Tango ihn packte. Damals studierte er Jura, trug noch lange Haare, schwarze Shirts, spielte in einer Rockband. Nach einer Vorlesung beobachtete er einmal von der Strasse aus einen Mann, der mit anderen Tango tanzte. «Ich war fasziniert von diesen Bewegungen», erinnert sich Herbas. Der Mann hiess Adriàn Bahut und wurde zu seinem Lehrer und Freund, er zeigte ihm die Grundlagen, führte ihn in die Welt des Tangos ein. Später liess sich Herbas zum Tangolehrer ausbilden, und machte so sein Hobby zum Beruf.

Die Geschichte von Lea Graber und Rafael Herbas ist eng mit dem Tanz verknüpft. «Der Tango hat uns zusammengebracht», sagt Herbas. Es war im März 2012, er arbeitete als Tangolehrer in Buenos Aires, sie war für ein paar Monate in der Stadt. An einem Tanzabend lernten sie sich kennen. «Zuerst dachte ich, er sei viel zu jung für mich», erinnert sich Graber lachend. Sie tanzten dennoch zusammen, er zeigte ihr ein paar Schritte und fragte schliesslich: «Möchtest du den Tanzpartner wechseln?» Sie wollte nicht, und dann redeten sie nicht mehr, sondern tanzten zwei Stunden lang, bis kein Zentimeter Luft mehr zwischen ihnen war und der Tanz zur Umarmung wurde.

So führte das eine zum anderen. Er kam für ein paar Monate in die Schweiz, sie besuchte ihn über Weihnachten in Buenos Aires. Nach zwei Jahren Fernbeziehung heirateten sie, und seit über drei Jahren leben sie zusammen in St. Gallen. Gemeinsam führen sie die nach ihm benannte Tangoschule. An der Tschudistrasse 43 haben sie ein stilvolles Tanzstudio eingerichtet, in dezenten Farben, mit Gemälden an den Wänden. Sie arbeitet vier Tage pro Woche als Juristin, einen Abend als Yogalehrerin und erledigt zudem in der Tangoschule die administrative Arbeit. Er unterrichtet Tango, gibt Workshops, tanzt an Geburtstagsfesten. «Wir wollen den Tango nach aussen tragen», sagt Graber. Deshalb organisieren die beiden nicht nur in ihrer Tanzschule regelmässig Tangoabende, sondern laden auch im Kaffeehaus, in der Militärkantine oder mal im Lattich-Quartier zu Milongas.

Auf der Stirn bildet sich die Tangofalte

Für Aussenstehende hat Tango etwas Ernstes und Melancholisches. Auch Graber und Herbas bleiben beim Tanzen ernst im Gesicht, auf Herbas’ Stirn bildet sich dann jeweils eine Falte, Graber nennt sie seine Tangofalte. «Wenn ich tanze, bin ich ganz in der Musik, ich bin am Fliegen», sagt er. Auch sie schätzt dieses Im-Moment-Versinken während eines Tangoliedes, das Präsentsein im Hier und Jetzt, das dreiminütige Eintauchen in die Unendlichkeit, das ein Tangotanz ermögliche. Alles andere ist dann weit weg. Und zwischen ihm und ihr kein Zentimeter Luft mehr.

www.rafaelherbas.ch


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