St.Galler Stadtbaumeister: "Diese Uhr braucht ihre Zeit"

UNMUT IN ST.GALLEN ⋅ Kaum ist die neue Zeitrechnung mit der binären Uhr am Hauptbahnhof gestartet, hagelt es Kritik an Stadt und Künstler. Diese zeigen teilweise Verständnis für den Ärger. Stadtbaumeister Hansueli Rechsteiner verteidigt aber das Kunstwerk und fordert Zeit.
06. April 2018, 20:28
Christoph Renn
«Schade um das Geld», «Schwachsinn hoch zwei» oder «total daneben». Die Kommentare zum neuesten Kunstwerk in St.Gallen, die binäre Uhr am Hauptbahnhof, sind überwiegend vernichtend. Nur Vereinzelte finden es eine «tolle Idee». Eines hat das Werk des St.Galler Künstlers Norbert Möslang aber erreicht: Es hat über die Stadt hinaus Diskussionen ausgelöst. Trotzdem bleibt die Frage, ob Künstler und Stadt die Interessen der Bewohnerinnen und Bewohner völlig verfehlt haben.

Für Stadtbaumeister Hansueli Rechsteiner lautet die Antwort klar nein. Obwohl er selbst «additionsfaul» sei, bezeichnet er das Werk Möslangs als Husarenstück. «Es überzeugt mit einem ebenso einfachen wie radikalen Vorschlag», sagt Rechsteiner. Es gelinge dem Künstler, die Struktur des gläsernen Lichtkubus so selbstverständlich zu bespielen, als ob diese «Patterns» gerade noch gefehlt hätten. «Mit den Kreisen, Kreuzen und Quadraten entwickelt Möslang eine ganz eigene, gleichermassen sinnliche wie konsequente Ästhetik», sagt Rechsteiner. Kritik am Projekt habe er noch keine gehört.

(Linda Müntener)

Kritik liegt in der Natur der Sache

Die Leute, mit denen er sich an der Eröffnungsfeier über das Kunstwerk unterhalten habe, seien grossteils begeistert gewesen. Ihm sei aber bewusst, dass es sich dabei um ein kunstaffines Publikum und um geladene Gäste und Freunde des Künstlers gehandelt habe. Die Kritik richte sich laut Rechsteiner sowieso nicht explizit gegen diese Uhr. Negative Stimmen lägen bei Kunst im öffentlichen Raum in der Natur der Sache. «Dieser Kunst kann man sich nicht entziehen. Es ist etwas anderes, wenn man sich dazu entscheidet, Bilder im Museum anzuschauen.»

Er wolle die binäre Uhr am Hauptbahnhof jedoch nicht als Provokation verstehen, wie sie bei zeitgenössischer Kunst oft angestrebt werde. «Die Uhr ist eine Einladung, sich mit etwas Neuem, noch Unbekanntem zu beschäftigen», sagt Rechsteiner. Jedoch ohne pädagogischen Hintergrund. Und Rechsteiner ist der festen Überzeugung, dass die St.Gallerinnen und St.Galler Freude an der binären Uhr finden werden. Vielleicht brauche sie einfach ihre Zeit.

(Youtube)

«Steuergelder aus dem Fenster geworfen»

Dies sei bei anderen Kunstwerken in der Stadt St.Gallen nicht anders gewesen. Rechsteiner erinnert an den Signer-Brunnen im Grabenpärkli: «Ich wette, dass sich die Kritiker von damals heute vehement für den Erhalt des Brunnens einsetzen würden.» Die Bevölkerung müsse bei Kunst im öffentlichen Raum zuerst vertraut werden mit den neuen Objekten, sie in die eigene Welt einbinden.

Am häufigsten wird in den Kommentarspalten der Schweizer Medien die Kritik geäussert, dass mit eben solchen Projekten Steuergelder aus dem Fenster geworfen würden. Die binäre Uhr am Hauptbahnhof hat insgesamt 324'000 Franken gekostet. Hansueli Rechsteiner versteht, dass sich einige über diese Kosten aufregen. Doch müsse man sich immer die Frage stellen, welchen Bedürfnissen man mit den Steuergeldern nachgehe. «Die Idee ist, mit dem Geld das Beste für alle zu machen.» Und da gehören seiner Meinung nach Kunstobjekte auch dazu, denn «Kunst geht neue, andere Wege und sie bietet andere Sichtweisen». Mit der binären Uhr solle jedoch niemand dazu gezwungen werden, Neues zu schätzen, der dies verweigere.
 

Der Mann hinter der Idee

Im Kreuzfeuer der Kritiker steht primär die Stadt. Auch auf Künstler Nobert Möslang hagelt es böse Worte. Doch wer ist der Mann, der diese Idee entwickelt hat? Möslang ist 1952 in St.Gallen geboren und ist gelernter Geigenbauer. Früh etablierte er sich als Musiker, Komponist und Klangerfinder. Bekannt wurde er mit seiner «Geräuschemusik», die er zusammen mit Andy Guhl als «Duo Voice Crack» ab 1972 während dreissig Jahren inszenierte. Neben Auftritten in Japan und den USA bespielte er 2011 mit einer Klanginstallation die Kirche San Stae in Venedig. Zudem wurde er als Filmkomponist bereits mehrfach ausgezeichnet.