Die Zahnradkurve ist ein Zankapfel

ST.GALLEN ⋅ Der Heimatschutz will die alte Zugstrecke über die Ruckhalde erhalten. Bei den Stadtparlamentariern gehen die Meinungen auseinander. Während die engste Zahnradkurve der Welt für die einen ein Baudenkmal ist, ist sie für andere ein Planungshindernis.
20. Dezember 2017, 06:50
Luca Ghiselli

Luca Ghiselli

luca.ghiselli@tagblatt.ch

Die engste Zahnradkurve der Welt dürfte bald der Vergangenheit angehören. Ab Oktober 2019 führt die Strecke der Appenzeller Bahnen mit Einweihung der Durchmesserlinie durch den Ruckhaldetunnel. Die alte Zugstrecke wird nicht mehr gebraucht und soll zurückgebaut werden. Dagegen wehrt sich der Heimatschutz, der die Kurve oder zumindest Teile davon bewahren will («Tagblatt» vom Freitag). Politisch ist umstritten, wie es mit dem historischen Rank weitergehen soll. Bei Politikerinnen und Politikern scheiden sich die Geister an der alten Zugstrecke. Während einige den Erhalt der Kurve fordern, wollen andere Platz für Neues, namentlich eine Überbauung schaffen.

Die SP-Stadtparlamentarierin Doris Königer sagt, es sei wichtig, dass die Kurve «in irgendeiner Art und Weise» erhalten bleibe. «Solange die Stadt nicht weiss, wie die Überbauung dereinst aussehen soll, sollte sie auch die Gleisführung nicht zurückbauen.» Die Stadtbevölkerung solle sich auch in 50 Jahren noch an dieser historischen Pioniertat erfreuen können. Königer zeigt sich aber offen dafür, dass nur ein Teil der Strecke bewahrt wird.

Chance für die Biodiversität

«Es sollte aber nicht jede Erinnerung an diese spezielle Kurve einfach ausradiert werden.» In die selbe Kerbe schlägt Clemens Müller, Fraktionspräsident Grüne/Junge Grüne. «Die Kurve ist ein Baudenkmal», sagt er. Zudem befinde sie sich in einer Randzone des Areals und könnte sich so auch gut in eine Überbauung einfügen. «Das wäre eine Chance, die Biodiversität zu fördern und einen Grünraum rund um die Überbauung zu erschaffen», sagt Müller. Wenn diese Randzone dann noch für Eisenbahn-Fans gut zugänglich gemacht würde, könnte man so gleich zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen.

Offen für kreative Installation

Auf deutlich weniger Begeisterung stösst die Erhaltung der Zahnradkurve bei Daniel Rüttimann, Fraktionspräsident der Grünliberalen. «Man hat sich damals klar für die Durchmesserlinie und den Tunnelbau entschieden», sagt er. Dass die Streckenführung zumindest provisorisch für den Fuss- und Langsamverkehr zur Verfügung gestellt werde, sei zwar richtig. Dort aber eine Bahnlinie zu bewahren, nur um der historischen Bedeutung Willen, sei aber der falsche Ansatz. So ginge wertvoller Raum verloren, der die Planung für die Überbauung auf dem Areal bereits wieder massiv einschränke. Rüttimann zeigt sich für andere kreative Vorschläge aber offen: «Wenn zum Beispiel eine Installation den ehemaligen Verlauf der Strecke andeuten würde, wäre das begrüssenswert.» Die Schienen alleine seien aber noch kein Baudenkmal. «Dafür sind sie im Gegensatz zu einem Gebäude zu reproduzierbar.» Bei den bürgerlichen Kräften tönt es ähnlich. Felix Keller, FDP-Fraktionspräsident, misst der Gleisführung keine übermässig hohe Bedeutung zu. «Ich bezweifle, ob die Kurve wirklich ein Baudenkmal ist.» Würde man sie aber erhalten wollen, wäre das ein erheblicher Eingriff in die kommende Planung. «Das Bekenntnis zur Durchmesserlinie und zum Ruckhaldetunnel war deutlich. Nun gilt es, auch daran festzuhalten.»

Auch SVP-Stadtparlamentarier Heini Seger erachtet den Schutz des Ranks auf der Ruckhalde nicht als unbedingt nötig. «Die Stadt hat wichtigere Probleme», sagt er. Die Streckenführung sei eigens in den Untergrund verlegt worden, um am Hang Platz für die innere Verdichtung zu schaffen. Und wenn der Heimatschutz die Kurve hätte bewahren wollen, hätte er früher aktiv werden müssen.