Die Sprayer-Oma von Wittenbach bereut nichts

VANDALISMUS ⋅ Im Wittenbacher Obstgarten-Quartier dürfen Kinder nicht mehr Fussball spielen. "Wie ungerecht", fand Bewohnerin Anneliese Adolph und besprayte eine Verbotstafel. Jetzt hat die 85-Jährige eine Anzeige am Hals.
03. Oktober 2017, 19:34
Angelina Donati
Sie muss erst mal verschnaufen: Bei der 85-jährigen Anneliese Adolph läutet es momentan Sturm. Sie wird von den Medien regelrecht belagert. Der Grund: Ein Artikel im «Blick». Dabei will sie doch einfach nur den Kindern im Obstgarten-Quartier helfen, wie sie betont. «Kinder bedeuten mir alles», sagt die dreifache Mutter, fünffache Grossmutter und mittlerweile auch Urgrossmutter. «Ich werde für sie weiterkämpfen.» Leider komme es doch immer wieder vor, dass Kinder ungerecht behandelt und gar abgeschoben würden. Das mache sie traurig. Selber hatte Anneliese Adolph eine schwere Kindheit mit tragischen Erlebnissen. Aufgewachsen ist sie während des Zweiten Weltkrieges in Berlin, das Essen war knapp, das Haus der Familie wurde zerstört und nach dem plötzlichen Tod ihres Vaters musste die Mutter alle acht Kinder alleine aufziehen.
 

Noch nie gab es Beschwerden

Wie aber kam es dazu, dass die Wittenbacherin seit neuestem für den «Blick» den Übernamen «Sprayer-Oma» trägt? Alles hat damit begonnen, dass sich Bewohner über Kinder beschweren, die auf den drei Wiesen im Obstgarten-Quartier Fussball spielen. «Kinder sind laut. Es sind nun mal Kinder», sagt Anneliese Adolph. Sie wohne nun schon von Beginn weg hier, also seit über 20 Jahren, und noch nie sei es hier zu Lärmklagen gekommen. Ohnehin gelte das Quartier ja genau als äusserst familienfreundlich. Für die Kinder stünden zahlreiche verschiedene Spielgeräte auf den Wiesen zur Verfügung. Die Seniorin ist sich sicher, dass die  Reklamationen einzig von Bewohnern aus dem ersten der insgesamt vier Mehrfamilienhäuser stammen. «Anscheinend gab es eine Versammlung, zu der wir anderen nicht eingeladen worden waren.» Plötzlich war dann das Fussballverbot beschlossene Sache. «Wir wurden mit einem Brief von der Verwaltung in Kenntnis gesetzt. Und ein paar Tage später waren auch schon die Verbotstafeln auf den Wiesen montiert.» Ein Dorn im Auge von Anneliese Adolph. Erst habe sie das Gespräch mit der Verwaltung gesucht, auch mit der Zentrale in Basel. Doch es wollte nicht fruchten. «Dann kam ich auf die Idee, die Tafeln mit einem Müllsack zu überdecken. Schliesslich ist dieses Verbot einfach nur Müll», entrüstet sie sich. Weil ihre Konstruktion am nächsten Tag wieder weg war, beschaffte sie sich eine Spraydose und übermalte einen Teil der Tafel. Die besprayte Tafel.

Die besprayte Tafel.


Das war im Sommer. Doch die Konsequenzen holen Anneliese Adolph jetzt ein. Eine Anwohnerin hat sie nach ihrer Aktion bei der Polizei angezeigt. «Mir war von Anfang an bewusst, dass es Ärger geben wird», sagt die Seniorin. Im Kampf für die Kinder sei ihr alles recht. Wegen Sachbeschädigung droht ihr nun eine Geldbusse oder eine Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren. «Das ist mir egal. Selbst wenn ich in den Knast muss. Dann habe ich wenigstens eine neue Erfahrung gemacht», sagt sie und lacht. Demnächst werde sie von der Staatsanwaltschaft vorgeladen. Sie freue sich sogar darauf. «Mein einziger Wunsch ist, dass die Verbotstafeln wegkommen», betont sie. Die Kinder im Quartier seien derweil verunsichert. Und selbst wenn sie sich nun anders beschäftigen oder laut lachen, stosse dies schon wieder auf neuen Widerstand. «Das darf und kann nicht sein.»

Für den heutigen Tag aber habe sie nun genug gesagt. Sie benötige erst mal ein wenig Ruhe nach dem ganzen Rummel um ihre Person. Zuerst aber müsse sie noch kurz in die Apotheke und zur Migros, sagt die Seniorin, zieht die Jacke an und nimmt ihre Tasche. «Ach ja, und die Schokofrösche, die ich jeweils verteile, darf ich nicht vergessen», sagt sie und schnappt sich die Tüte. Nebst ihrem Engagement in der Kirche setze sie sich auch für Frösche ein. In der Gemeinde werde sie liebevoll als «Oma Lisa» oder als «Frosch-Oma» bezeichnet.

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