Die Jüngste übergibt

PRÄSIDIUM ⋅ Sie ist die jüngste Parlamentspräsidentin der Stadtgeschichte. Nun gibt Franziska Ryser ihr Amt ab. Von der Politik hat sie aber noch lange nicht genug – und sie kann bald auf der Strasse wieder Kopfhörer tragen.
04. Januar 2018, 07:59
Luca Ghiselli

Luca Ghiselli

luca.ghiselli@tagblatt.ch

Es gibt Dinge, die tun höchste Stadtsanktgaller nicht. Spätabends angesäuselt vom Ausgang nach Hause gehen zum Beispiel. Oder mit Kopfhörern im Ohr durch die Stadt schlendern. Nicht nur, weil’s falsch verstanden werden könnte. Sondern auch, weil es nicht zur Rolle, zum Amt passt. Franziska Ryser hat 2017 auf lange Nächte im Ausgang und Stöpsel in den Ohren verzichtet. Verlangt hatte das niemand von der Jungen Grünen. Sie verstand ihre Rolle als höchste Stadtsanktgallerin einfach so. Rysers Jahr als Stadtparlamentspräsidentin ist zu Ende. An der Sitzung vom 16. Januar übergibt sie das Amt an Gallus Hufenus (siehe Zweittext).

Ryser sagt, sie habe 2017 viel gelernt: Die Sitzungsleitungen im Parlament, die repräsentative Funktion an Anlässen vom Gallustag über den Chlaussprint bis zur Hauseigentümerverband-Jubiläumsfeier. Zudem war es ein politisch intensives Jahr. «Die Krankheit, der Rücktritt und der Tod Nino Cozzios haben das ganze Jahr geprägt», sagt Ryser. Das habe man auch im Parlament gemerkt. Den Umgang untereinander dort schätzt sie als sehr respektvoll und konstruktiv ein. «Ich hatte nie das Gefühl, man behandle mich anders als ältere, männliche Vorgänger. Und das ist auch richtig so.» Schliesslich gelte der Respekt dem Amt, nicht dem Individuum dahinter.
 

Das Präsidialjahr öffnet den Horizont

Und doch fing ihr Präsidialjahr mit einer kleinen Kontroverse an. Die Rede des Stadtpräsidenten Thomas Scheitlin wurde nach Rysers Wahlfeier kritisiert – als chauvinistisch und voller politischer Spitzen. «Für einen Stadtpräsidenten war diese Wortwahl unangebracht. Ich denke aber, wir haben uns in diesem Jahr gut ergänzt.» Die 26-Jährige ist die jüngste, die das Amt als Stadtparlamentspräsidentin in St. Gallen je bekleidet hat. «Ich finde es wertvoll, diese Erfahrungen bereits relativ früh in meiner politischen Karriere gemacht zu haben», sagt Ryser. Das öffne den Horizont. «Man sieht die Politik aus einer anderen Perspektive. Weniger polemisch, mehr pragmatisch.» Vor allem die Begegnungen mit Stadtbewohnerinnen und Stadtbewohnern an zahlreichen Anlässen haben Ryser beeindruckt. «Ich habe St. Gallen von seiner vielfältigsten und spannendsten Seite erleben dürfen.» Sie habe für alle ein offenes Ohr gehabt – auch dank des selbst auferlegten Kopfhörerverbots. Egal wie gross die politischen Distanzen zu den Gesprächspartnern waren: «Ein Dialog ist mit jeder Person interessant, unabhängig von ihrem Hintergrund.» Und für sie selbst sei es eine Chance gewesen, Menschen aufzeigen zu können, dass Politik kein Filz oder ein «Verein grauhaariger Männer» sei, sondern sehr divers.
 

Sie bleibt der St.Galler Politik treu

Nun widmet sich die Maschinenbauingenieurin und Robotik-Spezialistin wieder verstärkt ihrer Hauptbeschäftigung, der Wissenschaft. Ryser doktoriert an der ETH Zürich, baut an einer Software, welche die Schlafmessung weiterbringen soll. Doch sie bleibt St. Gallen treu. «Ich habe grosse Freude an der Politik und will sie auch weiterhin in St. Gallen betreiben», sagt sie. Dass die Stadt junge Qualifizierte verliere, will Ryser nicht überbewerten. «Klar haben wir Potenzial, zum Beispiel bei den Geisteswissenschaften oder der Kreativwirtschaft.» St. Gallen habe aber extrem viel zu bieten. «Das habe ich 2017 besonders gemerkt.»