Die Guten ins Töpfchen …

PILZSAISON ⋅ Es ist ein rekordverdächtiges Pilzjahr. Entsprechend gross ist der Andrang bei der Kontrollstelle des Botanischen Gartens. Bis zu einem Viertel der Pilze wird aussortiert.
20. Oktober 2017, 06:21
Christina Weder

Christina Weder

christina.weder@tagblatt.ch

Die einen gehen im Wald spazieren, weil sie einen Hund haben. Die anderen, um Pilze zu sammeln. Sie kommen diesen Herbst voll auf ihre Kosten. Es ist ein ­gutes Pilzjahr. In diesen Tagen stehen die Sammler bei der Pilzkontrolle des Botanischen Gartens Schlange. «Wir haben bis jetzt doppelt so viele Kontrollen durchgeführt wie im Vorjahr», sagt Hanspeter Schumacher, Pilzkontrolleur und Leiter des Botanischen Gartens St. Gallen. Rund 400 Personen haben die Pilzkontrolle bis jetzt aufgesucht.

Die Kiste mit den Aussortierten

An diesem späten Nachmittag sind es rund 20. Manche kommen mit Körben, Papiersäcken oder Tupperware. Andere haben nur ein, zwei Pilze dabei, bei ­deren Bestimmung sie unsicher sind. Kontrolleur Schumacher sortiert und wägt die Pilze. Er begutachtet sie einzeln – darunter eine Ziegenlippe, eine Nebel­kappe oder ein flockenstieliger Hexenröhrling. Trotz unappetitlichem Namen sind alle drei essbar. Auffallend häufig taucht der Hallimasch in den Körben der Sammler auf. Roh gilt er als giftig, deshalb gibt Schumacher einen Tipp für die Zubereitung: «Zuerst fünf Minuten in siedendem Wasser kochen, dann anbraten.»

Rund 20 bis 25 Prozent der Pilze, die ihm vorgelegt werden, sortiert er aus. Sie landen in einer Kiste unter dem Tisch – und später auf dem Kompost. Ein tödlich giftiger Pilz findet sich diesmal nicht darunter. «Das ist selten der Fall», sagt Schumacher. Dennoch füllt sich die Kiste innerhalb einer halben Stunde mit alles anderem als einem Gaumenschmaus: Der Schönfussröhrling würde laut Schumacher jedes Gericht zer­stören, der sparrige Schüppling eine Magenverstimmung verursachen, der Ockertäubling zu Bauchweh führen. Schumacher ist überzeugt: «Die Kontrollstelle lohnt sich als Investition in die Gesundheitsprophylaxe.» Er sortiert nicht nur die ungeniessbaren und giftigen Pilze aus, sondern auch die unappetitlichen alten und wurmstichigen Exemplare.

«Mein Mann würde ohne Kontrolle nichts essen»

«Pilze sind allgemein schwer verdaulich», sagt Schumacher. Man sollte sie nur in kleinen Mengen konsumieren. Von einem Ragout rät er ab. Eine Sammlerin, die öfter zur Kontrollstelle kommt, will Tagliatelle und Risotto ai funghi kochen. «Ohne Kontrolle würde mein Mann aber nichts essen.»

Pilzsammeln ist laut Schumacher ein Dauerbrenner. Den typischen Pilzsammler gebe es aber nicht. Es kommen Leute jeden Alters und aus jeder Gesellschaftsschicht. An diesem Nachmittag finden einige Neulinge den Weg zur Kontrollstelle. Eine junge Frau sagt, sie sei zufällig an Pilzen vorbeispaziert, und gesteht: «Ich habe keine Ahnung, ob sie essbar sind.» Es ist ein ­Zufallstreffer. Der Kontrolleur gibt grünes Licht.

Weniger Glück hat eine andere Pilzsammlerin, die ein verästeltes Gebilde auf den Tisch legt. Sie hat eine Bauchwehkoralle erwischt und muss diesmal mit leerem Korb nach Hause.


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