Der Cupsieger-Goalie

EVERGREEN ⋅ Jean-Paul Biaggi hütete das Tor, als der FC St.Gallen im Jahr 1969 zum bisher einzigen Mal den Schweizer Cup gewann. Der Pokalsieg und die Zeit in der Ostschweiz sind ihm in lebhafter Erinnerung geblieben.
23. September 2017, 08:23
David Gadze

David Gadze

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Die Zahl der Spieler beim FC St.Gallen, die in der bald 140-jährigen Geschichte des Vereins einen Pokal in die Höhe stemmen durften, ist überschaubar. Zu einem exklusiven Kreis gehören quasi jene elf, die am 26. Mai 1969 im Berner Wankdorfstadion auf dem Platz standen. Damals besiegte der FCSG im Cupfinal Bellinzona mit 2:0. Es ist bis heute der einzige Cupsieg, den der Club feiern konnte. Einer dieser Spieler ist Jean-Paul Biaggi. Der Walliser war in jener Zeit Torhüter beim FC St.Gallen.

Zum FC St.Gallen kam Biaggi, damals 23, aus beruflichen Gründen. Er arbeitete damals als Anlageberater bei der Schweizerischen Volksbank. «Ich sollte eine Stelle in der Deutschschweiz antreten, um die Sprache zu lernen», erzählt er. Bei einem Spiel des FC Sion in Zürich habe ihn René Brodmann, St.Gallens damaliger Spielertrainer, kontaktiert. Brodmann fragte ihn, ob er zum FC St.Gallen wechseln möchte, der soeben nach 18-jähriger Abstinenz in die höchste Spielklasse zurückgekehrt war. Der Wechsel lohnte sich: Während der Zeit in der Ostschweiz bekam Biaggi seine ersten Aufgebote für die Nationalmannschaft.

Als wäre es gestern gewesen

Wenn Biaggi über seine Zeit beim FC St.Gallen spricht, klingt es, als habe er den Verein erst kürzlich verlassen, so lebhaft erzählt er von den Erlebnissen. Von den Spielen im damaligen Pokal der Pokalsieger, für den sich die Mannschaft dank dem Cupsieg qualifizierte und in dem sie immerhin die erste Runde gegen BK Frem Kopenhagen überstand. Von den Heimspielen im Exil auf dem Krontal, dem Stadion des SC Brühl, wohin der FCSG wegen des Neubaus der Haupttribüne im Espenmoos ausweichen musste. «Das Leben in der Ostschweiz war sehr schön, die Ausflüge an den Bodensee im Sommer oder ins Appenzellerland im Winter.» So nah diese Erinnerungen auch scheinen mögen, es gibt viele Anekdoten, die sich heute so nicht mehr ereignen könnten. «Das war eine andere Zeit», erzählt Biaggi. An die Auswärtsspiele fuhr die Mannschaft mit dem Zug. Einmal sei sie auf dem Weg nach Bern gewesen, als in Zürich die Spieler des FCZ, die ein Auswärtsspiel in der Romandie hatten, zustiegen und sich zu den St.Gallern in den Speisewagen gesellten. «Beim Aussteigen hat einer unserer Spieler – ich glaube, es war Rudi Nafziger – versehentlich die Tasche eines FCZ-Spielers mitgenommen. Als er sich im Stadion umziehen wollte, hatte er ein falsches Trikot und die falschen Schuhe.»

Und natürlich ist Biaggi der Cupsieg und das Drumherum in besonderer Erinnerung geblieben. Bereits einen Tag vor dem Spiel sei die Mannschaft zur Vorbereitung nach Thun gereist – ins selbe Hotel, das Trainer Albert Sing seinerzeit als Co-Trainer der deutschen Nationalmannschaft vor dem Gewinn der Weltmeisterschaft 1954 ausgesucht hatte. Oder an den Empfang der Cup­helden durch die vielen Tausend Personen am St.Galler Hauptbahnhof.

Biaggi liebäugelte mit einem Wechsel in die Bundesliga oder ins Tessin zum Aufsteiger Bellinzona, wo er ebenfalls bei der Volksbank hätte arbeiten können, und wollte deshalb seinen Dreijahresvertrag nicht verlängern. Als sich jedoch beide Optionen zerschlugen und ihm eine Stelle bei der Volksbank im Thurgau angeboten wurde, war es zu spät: St.Gallen hatte bereits einen anderen Torhüter verpflichtet. So wechselte Biaggi zum damaligen A-Ligisten FC Biel, bei dem er jedoch nur eine Saison blieb. Nach einer weiteren Saison bei seinem Heimatverein FC Sion schloss er sich Xamax an. Mit den Neuenburgern erreichte er 1974 nochmals den Cupfinal, verlor diesen aber mit 3:2 gegen Sion. Nach einer Saison beim FC Martigny in der Nationalliga B beendete er 1976 seine Karriere.

Jugend- und Torwarttrainer

Auch nach seiner Zeit als Aktiver blieb Biaggi dem Fussball verbunden. Jahrelang arbeitete er als Jugendtrainer, war unter Paul Wolfisberg und Roy Hodgson Torwarttrainer der Nationalmannschaft sowie Assistenztrainer von Köbi Kuhn bei der U21-Nationalmannschaft. Als dieser 2001 die A-Nati übernahm, trennten sich ihre Wege. «Ich hatte während meiner Zeit als Fussballer im Wallis ein Reisebüro eröffnet und hätte dieses aufgeben müssen. Das wollte ich nicht.»

Heute arbeitet Jean-Paul Biaggi bei MS Sports, einer Firma des ehemaligen Fussballers Mario Sager, die in der ganzen Schweiz Sportcamps für Kinder und Jugendliche durchführt. Bis zu 20 solcher Camps, die jeweils eine Woche dauern, betreut der 71-Jährige pro Jahr. Die Fussballergene hat er an seine Söhne weitergegeben: Olivier Biaggi spielte für verschiedene Clubs und gewann mit Sion Meisterschaft und Pokal. Die anderen beiden Söhne spielten bei 1.-Liga-Clubs.

FC St.Gallen – FC Thun

morgen So, 16 Uhr, Kybunpark;

Matchtipp Jean-Paul Biaggi: 2:0


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