Dem Feuer einen Schritt voraus

RUHESTAND ⋅ Fast 40 Jahre lang war Walter Bruderer in der St. Galler Berufsfeuerwehr, zuletzt als Kommandant. Nun geht er in Pension. Das Loslassen von Uniform und Helm bereitet ihm wenig Mühe – und das hat einen Grund.
04. Dezember 2017, 06:33
Luca Ghiselli

Luca Ghiselli

luca.ghiselli@tagblatt.ch

«Jetzt ist die beste Zeit», steht auf dem Abziehkalender an der Wand des Aufenthaltsraums. Im Depot der Berufsfeuerwehr ist an diesem Vormittag nicht viel los, und doch könnte sich das schlagartig ändern. Vielleicht passt der Kalenderspruch deshalb besonders gut in diesen Raum. Das hat sich auch Walter Bruderer gesagt. Der Kommandant der Berufsfeuerwehr geht Ende Jahr in Pension, nach fast 40 Dienstjahren. «Ich habe mich lange auf diesen Schritt vorbereitet», sagt er. Wehmut oder Nostalgie scheinen Bruderer fremd zu sein.

In die Feuerwehr eingetreten, ist Bruderer im April 1978. Er kam als junger Mechaniker von Saurer in Arbon, wo er einen grossen Teil seiner Jugend verbracht hatte. Das sei eine andere Feuerwehr gewesen, sagt Bruderer. «Nicht nur wegen der Geräte, die heute viel moderner sind. Auch wegen der Ausbildung.» Einen Kurs habe er am Anfang seiner Feuerwehrkarriere nicht besucht, sagt Bruderer. «Das fand alles während des Schichtdiensts statt. Der Dienstleiter machte mit den Neuen während des Normalbetriebs die Einführung.» So sei früher keinesfalls alles besser gewesen. «Wir hatten mehr Brandeinsätze und mussten auch öfter zu schweren Verkehrsunfällen ausrücken.» Heute seien die Leute sensibilisiert, hätten Brandschutzanlagen installiert und die Autos seien auch sicherer.
 

Der Altstadtbrand und die Halle 7

Aus fast 40 Jahren Feuerwehrdienst bleiben Bruderer vor allem zwei Brände besonders im Gedächtnis: Der Altstadtbrand im März 1992 mit fünf Todesopfern und das Feuer in der Olma-Halle 7 im Oktober 2000. «Das waren die zwei Verrücktesten.» Seit acht Jahren ist der bald 62-Jährige Kommandant der Berufsfeuerwehr. Was braucht es in diesem Job? «Ruhe ist sehr wichtig», sagt Bruderer. Wer als Einsatzleiter oder Kommandant hetze, mache nur die anderen nervös. Dabei müsse man viel eher vorausschauend agieren, Situationen laufend neu einschätzen und dem Feuer einen Schritt voraus sein. «Das kommt mit der Erfahrung.» Der Lohn für diese schwierige Arbeit sei das Gefühl nach einem erfolgreichen Einsatz. «Es ist befriedigend, wenn ein Brandeinsatz gut gelöst wurde oder wir bei einem Verkehrsunfall einen Betroffenen aus dem Fahrzeug schneiden können», sagt Bruderer. Wenn der Adrenalinspiegel wieder sinke, setzt die Zufriedenheit ein. Neben den Einsätzen gibt es aber auch noch den Normalbetrieb. «Wenn nicht gerade Alarm ist, funktioniert die Berufsfeuerwehr eigentlich wie ein KMU.» Und Bruderer als Geschäftsführer. Viel Administration gehöre da dazu, viele E-Mails und Sitzungen. «Das war nie meine Welt», sagt Bruderer. Aber es gehöre nun einmal zum Job dazu. Die Feuerwehr sei mehr als ein einfacher Beruf, sagt Bruderer.

«Ich habe hier Freunde fürs Leben gefunden.» 24 Stunden während einer Schicht auf engem Raum zu verbringen, schweisse zusammen. «Das Depot ist wie ein zweites Zuhause.» Was aber nicht heisst, dass Bruderer nie Wechselgedanken gehabt hätte. «Es gab eine Zeit, in der ich mich selbständig machen wollte.» Die Stelle bei der Feuerwehr habe aber nicht zuletzt finanzielle Sicherheit für ihn und seine Familie bedeutet. Auch deshalb habe er daran festgehalten.
 

Vorfreude auf wärmere Winter

Nun geht’s dem Ende von Walter Bruderers Feuerwehrkarriere zu. Ende Dezember tauscht er Uniform und Helm ein letztes Mal gegen zivile Kleidung. «Ich freue mich, wieder mehr Zeit mit meiner Familie, besonders meinen Enkelkindern zu verbringen», sagt der scheidende Kommandant der Berufsfeuerwehr. Vor kurzem haben seine Frau und er sich ein Wohnmobil gekauft. «Damit wollen wir im Winter nach Spanien oder Portugal. Hauptsache dorthin, wo’s warm ist», sagt er und lacht. Das Wohnmobil sei unter anderem ausschlaggebend für die Frühpensionierung gewesen. «So fällt die Entscheidung zum Gehen jedenfalls leichter.»


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