Die Wittenbacher Kirchenglocken bleiben still

NACHTRUHE ⋅ Die katholische Kirche Wittenbach setzt den Glockenschlag über Nacht aus. Ein Blick in die Region zeigt: In vielen Kirchtürmen herrscht bereits Nachtruhe. Anderorts schlagen die Klöppel ungehemmt.
10. Januar 2018, 05:22
Noemi Heule

Noemi Heule

noemi.heule@tagblatt.ch

Die einen stört das Gebimmel im Schlaf, andere möchten das Geläut der Glocken auch in der Nacht nicht missen. Nichts weiter als eine Lärmbelästigung oder doch ein trauter Brauch? Kirchenglocken haben schon mancherorts Kontroversen ausgelöst. Nicht so in Wittenbach. Dennoch hat die katholische Kirche entschieden, die Glocken zum Schweigen zu bringen. Von 22 bis 6 Uhr stehen die Klöppel still.

Jede Viertelstunde halte bisher ein Glockenschlag durch die Nacht. Vier waren es zur vollen Stunde, plus die einzelnen Stundenschläge. Gestört fühlten sich davon jährlich «eine Handvoll» Personen, wie Gaby Merz, Präsidentin des Kirchenverwaltungsrates sagt, meist Zugezogene. Nun möchte der Rat «einen Beitrag zur Nachtruhe, zur gegenseitigen Rücksichtnahme», leisten.
 

Glocken schweigen, und niemand merkt’s

Den Schritt angestossen haben nicht etwa Reaktionen im Dorf, sondern Diskussionen andernorts. Etwa in Wädenswil, wo ein Rechtsstreit zwischen Anwohnern, Gemeinde und Kirche erst vor Bundesgericht endete. Oder in St.Gallen, wo sich die «IG Stiller» seit Jahren gegen die Ruhestörungen aus den Kirchtürmen wehrt (siehe unten).

Die Rückmeldungen seien bisher überwiegend positiv ausgefallen, sagt Gaby Merz. Bis auf vereinzelte Stimmen, welche das Glockenspiel vermissten. Gar keine Reaktionen sind dagegen bei der evangelischen Kirche eingegangen, obwohl dort der nächtliche Glockenschlag längst fehlt: Vor rund einem halben Jahr wurde er eingestellt, wie Diakon Ueli Bächtold sagt. In aller Stille – und offenbar nahezu unbemerkt. Erst auf Nachfrage des Diakons drückten Anwohner ihr Bedauern aus. Aber: «Wer sich gestört fühlt, leidet mehr, als derjenige, der den Glockenschlag vermisst.»

In Mörschwil schlagen die Glocken nach wie vor, und zwar durchgehend im Viertelstundentakt. Den Stundenschlag abzustellen, stand bisher nicht zur Diskussion, wie Pfarreibeauftragter Bernd Ruhe sagt. Die reformierten Kirchen in Abtwil und Engelburg besitzen gar kein Schlagwerk und bleiben deshalb nicht nur nachts stumm.

Keinesfalls aufgeben wollen alle angefragten Kirchen das Geläut zu speziellen Tageszeiten oder Anlässen. Das Sechsi-Läuten, das Elfi-Glöggli oder die Totenglocken seien Tradition. Sie werden ohnehin nur am Tag angestimmt.
 

Vorreiter geben Ton an

Kontroversen Ende Dezember vergangenen Jahres entschied das Bundesgericht, dass die Glocken der reformierten Kirche in Wädenswil ZH auch in Zukunft nachts schlagen dürfen. Und zwar durchgehend im Viertelstunden-Takt. Damit haben sich Stadt und Kirchgemeinde gegen die Beschwerde zweier Anwohner durchgesetzt.

In St.Gallen hat die reformierte Kirche St.Laurenzen jüngst ihre nächtlichen Glockenschläge zwar nicht abgestellt, aber gedämpft. Seit Frühjahr sollen sie 30 bis 40 Prozent leiser schlagen. Für die «IG Stiller» nicht genug: Sie fordert, dass zumindest auf den Viertelstundenschlag verzichtet wird. In gewohnter Lautstärke hallen derweil die Glocken des Doms durch das Gallus-Quartier.

Während die katholischen Kirchenglocken – mit Ausnahme jener in Rotmonten und Riethüsli – weiterhin durchgehend schlagen, bleiben viele Kirchtürme der Reformierten über der Nacht stumm: Etwa jene im Linsebühl, in St.Gallen-Winkeln, Rotmonten, Stephanshorn oder im Grossacker. (nh)


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