CVP der Stadt St.Gallen durchlebt magere Jahre

RÜCKSCHLAG ⋅ Die CVP der Stadt St.Gallen befindet sich seit längerem im freien Fall. Mit dem Verlust des zweiten Sitzes im Stadtrat ist sie hart gelandet auf dem Boden der Realität. Der neue Präsident lässt sich aber nicht entmutigen und hat bereits Pläne.
02. Dezember 2017, 07:46
Elisabeth Reisp

Elisabeth Reisp

elisabeth.reisp@tagblatt.ch

«CVP, quo vadis?», fragte Patrick Roth, ehemaliger Stadtparlamentarier der zu CVP gehörenden CSP, in einem Leserbrief. Das nach dem ersten Wahlgang Ende September verfasste Schreiben endete mit einem Wahlaufruf für Sonja Lüthi. Ja, CVP, quo vadis?. Wenn sogar aus den eigenen Reihen für die Gegenkandidatin gestimmt wurde und nicht für Boris Tschirky?

Seit 1918 nannte die CVP jeweils mindestens einen Sitz im Stadtrat ihr eigen. Hundert Jahre gestalteten die Christlichdemokraten die Geschicke der Stadt mit. Nun ist damit Schluss. Innerhalb eines Jahres hat die CVP ihren zweiten Stadtratssitz verloren. Ihr Kandidat Boris Tschirky musste Sonja Lüthi (GLP) am Sonntag im zweiten Wahlgang mit über 3100 Stimmen Vorsprung in die Stadtregierung ziehen lassen.

Von hängenden Köpfen in der Partei will Raphael Widmer, Präsident der CVP Stadt St. Gallen, jedoch nichts wissen, und zeigt sich keineswegs konsterniert oder verunsichert. Gerade mal ein halbes Jahr im Amt als Parteipräsident, hat er eine schwierige Aufgabe übernommen. Schon damals befand sich die CVP im freien Fall. Im Herbst 2016 wurde ihre Stadträtin Patrizia Adam von Maria Pappa (SP) aus dem Gremium verdrängt. Zur selben Zeit verlor die Partei vier Sitze im Stadtparlament. Als Mitinitiantin der heftig umstrittenen Mobilitäts-Initiative konnte sie nicht alle ihre Mitglieder vom Volksbegehren überzeugen. Beim Versuch eine Schuldenbremse-Initiative zu lancieren, schaffte es die CVP nicht einmal, die Mindestanzahl Unterschriften zu sammeln. Die Niederlage bei der Stadtratsersatzwahl bildet nun den vorläufigen Tiefpunkt in der Geschichte der städtischen Christlichdemokraten. Dabei hatte sich die Parteileitung so viel von ihrem Kandidaten Boris Tschirky versprochen.
 

Kritik am Kandidaten aus dem «Speckgürtel»

Dass es dennoch nicht für die Verteidigung des Sitzes im Stadtrat reichte, sei eine Enttäuschung, sagt Widmer selbstkritisch: «Wir haben es nicht so gut verstanden, genügend Wähler für unseren Kandidaten zu mobilisieren, wie es andere Parteien getan haben.» Es ist nichts Neues, dass die CVP in sich gespalten ist und dass in jüngster Vergangenheit der Schulterschluss zwischen den bürgerlichen Kräften in der Stadt zu wünschen übrig liess. Die Folgen spiegeln sich im Abstimmungsergebnis wieder: Tschirky machte im zweiten Wahlgang gerade mal 94 Stimmen mehr als im Ersten. Dies obwohl Jürg Brunner, der im ersten Wahlgang die SVP vertrat und dort über 3100 Stimmen sammelte, für den zweiten Wahlgang Forfait gab. Man stelle halt auch keinen Kandidaten aus dem «Speckgürtel» für die Wahl in den Stadtrat, lautet ein wiederholt gehörter Vorwurf – aus allen Lagern. Auch Rolf Vorburger, ehemaliger Präsident der städtischen CVP, hegt Zweifel an der Kandidatur eines Nicht-St. Gallers. «Bei einem Stimmenabstand von über 3000 Stimmen auf die siegreiche Kandidatin, muss die Partei sich die Frage stellen, ob die richtige Person nominiert wurde. Ganz offensichtlich konnten urbane Befindlichkeiten mit der Kandidatur eines Gemeindepräsidenten aus der Agglomeration nicht angesprochen werden». Es habe ihn erstaunt, dass kein grösseres Reservoir an möglichen profilierten Kandidaten mit langjähriger städtischer Politikerfahrung aufbereitet wurde.

Doch als Raphael Widmer vor einem halben Jahr das Präsidentenamt übernahm, waren die Karten längst ausgeteilt. Er übernahm ein Blatt, als bereits angespielt war. «Ich wurde Präsident und musste sogleich einen Wahlkampf organisieren.» Es sei eine ungewöhnliche Situation gewesen. Der Rücktritt des mittlerweile verstorbenen Stadtrates Nino Cozzio sei sehr schwer im Voraus planbar gewesen.

Urgesteine der Christdemokraten widersprechen in diesem Punkt: «Die Situation war vorhersehbar. Mit Bekanntwerden von Nino Cozzios Krankheit und spätestens nach der Nichtwiederwahl von Patrizia Adam hätte man sich auf den schnellen Aufbau einer urbanen Kandidatin konzentrieren müssen», sagt zum Beispiel Patrick Roth.
 

Die CVP wird wieder antreten

In den letzten Monaten und Jahren hat die städtische CVP an Profil verloren. Mal mischte sie bei den Themen des Freisinns mit, ein andermal ging sie mit der SVP ins Bett. Die CVP setzte aber kaum eigene Akzente. Für eine Mittepartei schlug das Pendel etwas gar beliebig aus. Das realisierte auch die Parteileitung und machte eine Umfrage bei Mitgliedern und Wählern, um quasi wieder ihre Mitte zu finden. Neue Schwerpunkte wurden auch definiert. Im Wahlkampf wurden diese aber nicht proklamiert. «Wir hatten aber viel zu wenig Zeit, diese bis zum Wahlkampf durchzusetzen. Daher konnten wir Boris Tschirky wohl tatsächlich zu wenige Themen mit in den Wahlkampf geben.»

Raphael Widmer ist jedoch überzeugt, dass die Talsohle nun erreicht ist, und gibt sich optimistisch-kämpferisch. «Wir werden Kandidaten aufbauen und wieder antreten.» Zu welchen Wahlen, ob Stadtpräsidium oder Stadtrat, sei noch offen. Sein dringlichstes Ziel sei es, seine Parteikollegen dazu zu bringen, dass alle wieder am selben Strick ziehen. «Wir werden uns von innen heraus stärken und wieder angreifen.»


Leserkommentare

Anzeige: