Leserbrief gegen Tschirky: CSP will den Hausfrieden nicht stören

WAHLEN ⋅ Ein Leserbrief lässt vor dem zweiten Wahlgang der Stadtratsersatzwahl aufhorchen. Ein Christlichsozialer spricht sich darin für Sonja Lüthi und gegen Boris Tschirky aus. Offizielle CSP-Vertreter halten aber geschlossen zum CVP-Kandidaten.
05. Oktober 2017, 06:52
Luca Ghiselli

Luca Ghiselli

luca.ghiselli@tagblatt.ch

Es gab eine Zeit, in der die Christlich-soziale Partei (CSP) in der Stadtpolitik eine echte Kraft war, mit der man rechnen musste. Es war jene Zeit, in der auch die CVP so viel politisches Gewicht hatte, dass sie ihre beiden Stadtratssitze aufteilen konnte – auf den sozialen Flügel, eben die CSP, und den Wirtschaftsflügel, Arbeitsgemeinschaft Wirtschaft und Gesellschaft (AWG) genannt.

Diese Zeiten sind vorbei, die CVP verliert an Boden, und die CSP hat als Parteigruppe seit Beginn dieser Legislatur nur noch eine Vertreterin im Stadtparlament. Oberste Priorität hat derzeit, den einzigen noch verbliebenen Stadtratssitz der Christlichdemokraten mit Boris Tschirky zu verteidigen. Ein Leserbrief stellte vergangene Woche in diesem Unterfangen aber Störfeuer dar. Patrick Roth, ehemaliges Mitglied des Stadtparlaments (damals noch Grosser Gemeinderat) und langjähriges CSP-Mitglied, empfahl darin Tschirkys Gegenkandidatin Sonja Lüthi (GLP) zur Wahl. Viele christlichsoziale Wähler könnten beim zweiten Wahlgang dem CVP/FDP/SVP-Bündnis nicht mehr länger zu­sehen, schrieb Roth.

Den demokratischen Prozess respektieren

Die offiziellen CSP-Vertreter sehen das anders. Sie stellen sich hinter Tschirky. Stefan Grob, Parteisekretär der CSP St. Gallen, hält das Vorgehen des ehemaligen CSP-Politikers für «unklug». Boris Tschirky wurde an der Nominationsversammlung einstimmig nominiert – auch von den CSP-Vertretern. «Jedes CSP-Mitglied hätte die Gelegenheit gehabt, damals seine Meinung kundzutun oder einen anderen Kandidaten vorzuschlagen. «Das ist aber nicht passiert», sagt Grob. Er respektiere nicht nur diesen demokratischen Prozess, sondern könne auch persönlich hinter der Kandidatur von Boris Tschirky stehen, sagt Grob. Dies nicht zuletzt, weil sich der CVP-Kandidat, wie die CSP, auch für eine soziale Marktwirtschaft einsetze und für eine liberale Politik stehe, ohne die sozialen Werte zu vergessen. Die Zukunft der Christlichsozialen sei schliesslich eng an die Zukunft der CVP geknüpft. «Von diesen Links-rechts-Grabenkämpfen innerhalb der Partei halte ich im Grunde aber nicht viel», sagt Grob, der im Herbst 2016 aus dem Stadtparlament gewählt wurde und den ersten Ersatzplatz belegt.

Den letzten Stadtratssitz gemeinsam verteidigen

Einer, der während der Blütezeiten der CSP aktiv war, ist Alex Stähli. Von 1989 bis 2000 sass er im Grossen Gemeinderat und präsidierte während sieben Jahren die städtische CSP. Auch er stellt sich hinter Boris Tschirky. «Es ist wichtig, dass wir den letzten Stadtratssitz verteidigen», sagt er. Wenn die einst stadttragende Partei aus der Exekutive fliegen würde, wäre das eine Katastrophe. «Ich halte Boris Tschirky im Übrigen nicht für einen, der weit rechts steht», sagt Stähli. Als ehemaliger Präsident des Verbandes Katholischer Kirchgemeinden des Kantons habe er durchaus ein offenes Ohr für christlichsoziale Anliegen.

Politexperte Bruno Eberle teilt diese Einschätzung. «Boris Tschirky steht genauso wenig rechtsaussen, wie Sonja Lüthi weit links steht.» In ihrer Blüte Ende der 1980er- und Anfang der 1990er-Jahre seien CSP-Vertreter immer wieder mit eigenen Ideen aufgefallen – es habe Querdenker und unorthodoxe Leute darunter gehabt. Diese Zeiten seien aber vorbei. «Gewisse CVP-Exponenten leben in einer anderen Welt und denken, sie können noch immer Stadtratssitze unter den Flügeln verteilen», sagt Eberle. Nun drohe aber das Szenario, dass die CVP ganz aus dem Stadtrat fliege. Die CSP nimmt Eberle in den letzten Jahren kaum wahr. Zwar sei sie mit einer abweichenden Position bei der Mobilitäts-Initiative aufgefallen. «Sie müsste sich aber nicht nur vor Wahlen und Abstimmungen, sondern auch während der Legislatur stärker zeigen.»

Tschirky ist mit Unterstützung zufrieden

CVP-Kandidat Boris Tschirky sagt auf Anfrage, er sei sehr zufrieden mit der Unterstützung der Christlichsozialen. Er nehme die Meinung Patrick Roths zur Kenntnis, empfinde aber breite Unterstützung über die Parteigrenzen hinaus. Seine Position weiche in der Grundhaltung nicht von jener der Christlichsozialen ab. «Ich setze mich – wie die CSP und auch die CVP – für zukunftsorientierte und nachhaltige Lösungen ein», sagt Tschirky. Dabei orientiere er sich an christlich-ethischen Werten. Selbstverantwortung und die Solidarität mit Schwächeren gehören da besonders dazu, ist Tschirky überzeugt.


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