St.Galler regen sich über Baumfällungen auf

NATUR ⋅ Werden Bäume gefällt, folgt der Aufschrei aus der Bevölkerung auf den Fuss. Manchmal zu recht, manchmal unbegründet. Um mehr Verständnis für Kulturlandpflege zu schaffen, tut Aufklärung not. Das zeigt ein aktuelles Beispiel im Boppartshof.
27. Oktober 2017, 07:16
Elisabeth Reisp

Elisabeth Reisp

elisabeth.reisp

@tagblatt.ch

Menschen lieben Bäume. Städter im Speziellen, hat es den Anschein. Jeder Baum, welcher der Motorsäge zum Opfer fällt, wird heftig beklagt. Dass Gehölze im Kulturraum einer besonderen Pflege bedürfen, verstehen viele nicht. Vielleicht deswegen nicht, weil die Aufklärungsarbeit in der Stadt St. Gallen diesbezüglich etwas hinterherhinkt. Das aktuellste Beispiel dafür ist das Gehölz im Spickel Wolfgangstrasse und Haggenstrasse. Dort wird derzeit ausgedünnt und gepflegt, so dass manch einem Quartierbewohner das Herz dabei blutet.

Vereinzelte kritische Stimmen drangen bis zur Redaktion. Der Vorwurf: Die Stadt macht Platz für die geplante Wohnüberbauung auf der Wiese, die von einer geschützten Gehölzgruppe umsäumt wird. Peter Heppelmann, Abteilungsleiter Natur und Landschaft der Stadt, gibt aber Entwarnung: «Die Massnahmen dienen der Sicherheit und der ökologischen Aufwertung.»

Kranke Bäume sind ein Sicherheitsrisiko

Das Wäldchen gehört wie rund 700 weitere auf Stadtboden zur geschützten Gehölzgruppe, sagt Heppelmann. «Den Bestand dort einfach abzuholzen, ist also gar nicht möglich.» Doch verschiedene Gründe, die allesamt unter «Bestandspflege» zu subsumieren sind, machen die Fällung einzelner Bäume nötig. «Wir haben einerseits Trockenholz und Eschen mit Eschenwelke im Bestand. Diese müssen aus Sicherheitsgründen – viele Kinder spielen dort – gefällt werden», sagt Heppelmann. Die Weisserle sei nur noch in einer Altersstufe vorhanden. Damit diese, wenn sie ihre maximale Lebensdauer erreicht hätten, nicht alle auf einen Schlag gefällt werden müssten, müssten einzelne bereits jetzt durch jüngere ersetzt werden. Auch gelte es die wertvolle Traubenkirsche und die Schwarzerle im Gehölz zu stärken und zu fördern. Einschneidendere Massnahmen werden bei jenem Teil gegenüber der Haggenstrasse 68 vorgenommen: «Diese Liegenschaft ist völlig zugewachsen, entsprechend ist dort alles schattig und sumpfig.»

Anwohner werfen der Stadt nun aber vor, dies geschehe alles, um der geplanten Überbauung mehr Platz zu machen. Heppelmann hält erklärend dagegen, dass diese Massnahmen nur indirekt mit den Bauplänen zu tun haben. «Wir machen diese Arbeit jetzt, weil es für uns, sobald die Häuser stehen, nicht mehr so einfach und günstig ist, Baumpflegearbeiten vorzunehmen.» Heppelmann räumt aber auch ein, dass die Pflege jenes Gehölzes in den letzten Jahren vernachlässigt worden sei. Entsprechend mehr gäbe es jetzt zu tun.

Einige der Anwohner fühlen sich auch zu wenig informiert. Lediglich eine Infotafel informiere die Anwohner über die Fällungen. Gemäss Heppelmann seien alle Besitzer anliegender Liegenschaften von der Stadt informiert worden. Diese Schreiben hängen teilweise auch in den Infokästen der Überbauung. Dass man Mieter direkt informiert, sei nicht üblich.

Artenvielfalt setzt Eingriffe voraus

Das Beispiel im Boppartshof steht stellvertretend für das Spannungsfeld Stadt und Grünflächen. Die Stadt soll wachsen und gedeihen, manchmal ist es nicht zu vermeiden, dass Bäume dafür gefällt werden müssen. Alte und kranke Bäume sowieso. Vielleicht gerade, weil es in urbanen Gebieten weniger Natur hat, akzeptieren Anwohner es immer weniger, wenn alte Bäume vor dem Haus verschwinden. Heppelmann sind diese Vorbehalte bestens bekannt. Regelmässig erreichen seine Abteilung Anrufe von besorgten Anwohnern, wenn wieder irgendwo Bäume gefällt werden. «Wir begrüssen es sehr, wenn Anwohner wachsam sind.» Denn viele der geschützten Gehölzgruppen stehen auf privatem Grund. Da kann es schon vorkommen, dass ohne Wissen der Stadt gefällt wird», sagt Heppelmann. Er stellt aber auch immer wieder fest, dass vielen das Verständnis für Zusammenhänge zwischen Kulturland und Stadt fehle. «Eine Natur, die man komplett sich selbst überlässt, ist auf Siedlungsgebiet selten möglich.»

Wo Menschen wohnen und Kinder spielen, sei es notwendig, Bäume zu fällen, bevor sie unkontrolliert von selbst fallen. Um die Artenvielfalt in urbanen Gebieten zu gewährleisten, seien Eingriffe, zu denen auch das Fällen einzelner Bäume gehört, zudem notwendig. Eine grosse Vielfalt an Tieren sei nur dann zu erreichen, wenn man einen entsprechenden Lebensraum dafür schaffe. Und dazu gehöre eben auch eine Vielfalt an altersdurchmischten Sträuchern und Bäumen. Auf engstem Raum sei das nur mit Eingriffen durch den Menschen möglich.


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