Auf Flughöhe des Wetters

METEOROLOGIE ⋅ Ein St. Galler Unternehmen will die Wettervorhersagen revolutionieren. Mit Drohnen sammelt es Daten dort, wo das Wetter entsteht: in einem Kilometer Höhe. Selbst der US-Wetterdienst hat Interesse gezeigt.
03. November 2017, 05:19
Elisabeth Reisp

Elisabeth Reisp

Es sei ihm einigermassen peinlich gewesen, als er seinem Fluglehrer zum dritten Mal in Folge eine falsche Wettervorhersage durchgegeben hatte. Rückblickend war das aber der Auslöser, weshalb sich der Wettermann Martin Fengler vor sechs Jahren selbstständig gemacht hat mit dem Ziel, präzisere Vorhersagen zu machen.

Was als Start-up im Lerchenfeld begann, ist mittlerweile ein Unternehmen mit 20 Mitarbeitern – Tendenz steigend: Auf der Website des Unternehmens sind aktuell fünf Stellen ausgeschrieben. Das Ziel des 39-jährigen Unternehmers: «so genaue Vorhersagen wie nur möglich zu machen». Präzision ist das Ziel des studierten Mathematikers.

Messen, wo das Wetter entsteht

Die Idee dazu ist simpel: Anstatt nur Messungen am Boden zu ­machen, wo sich die meisten Wetterstationen befinden, lässt die Meteomatics, so heisst Fenglers Unternehmen, Drohnen steigen – immer nachts, und bis zu viermal in der Stunde. Die Drohnen sind fliegende Messstationen, die bis drei Kilometer Höhe fliegen und aus dieser sogenannten Grundschicht Daten sammeln. «In dieser Schicht entsteht unser Wetter, daher sind diese Daten massgebend», sagt Fengler. Bisher seien hauptsächlich mit Bodenstationen und Satelliten Daten für Wettervorhersagen gesammelt worden. Die Schichten dazwischen seien aber stiefmütterlich behandelt worden, obwohl dort Gewitter und Nebel entstehen.

Auf ihrem Flug sammelt die Drohne wetterrelevante Daten auf unterschiedlicher Höhe. Gemäss Fengler sind so präzisere 24-Stunden-Prognosen möglich als mit den gängigen Verfahren. Die Drohnen fliegen deshalb nachts, weil dann die besonders relevanten Dinge für die Wetterentwicklung passieren. Lärmklagen wegen der Drohnen hatten sie noch keine. «Wir lassen sie auch nur fernab der Zivilisation fliegen.» Und das tun die Fluggeräte selbstständig von einer Basis aus, auf der sie auch wieder landen und sich aufladen.

20 solcher Kästen braucht es, so Fenglers Schätzung, damit er das Wetter für die ganze Schweiz bestimmen kann. In einem Jahr sollte es so weit sein. Dann will die Meteomatics an 20 Standorten in der Schweiz ihre Basen aufgestellt haben.

Die Weiterentwicklung des Wetterballons

Wetterdaten in höheren Lagen zu sammeln, ist keine neue Idee. Mit Wetterballons wird dieses Prinzip seit über 100 Jahren angewendet. Anders als Drohnen fliegen Ballons aber nur rauf, und zwar ­wohin der Wind sie weht. «Der Vorteil der Drohnen ist, dass sie kerzengerade rauf- und auch wieder runterfliegen», sagt Fengler. Auch auf dem Weg zurück sammeln Drohnen Daten. Durch die Doppelmessung kann die Genauigkeit erhöht werden.

Wieso noch kein anderer ­Meteorologe auf diese Idee gekommen ist, weiss Fengler auch nicht. Seine Geräte genauso wie das Messverfahren selbst habe er jedenfalls patentieren lassen. Bei der Frage, um wie viel präziser seine Daten als jene von anderen Unternehmen seien, lässt sich Fengler nicht auf die Äste raus. «Da müsste man mal einen ­Contest machen», sagt er spasseshalber.

US-Wetterdienst zeigt Interesse

Die grossen Nutzniesser dieser Messmethode sind aber nicht die Freizeitsportler und Grümpeliveranstalter. Meteomatics wertet die Wetterdaten für Unternehmen aus, die vom Wetter abhängig sind. Als Beispiele nennt Fengler Energieunternehmen, die Solar- oder Windenergie gewinnen. «Je genauer sie wissen, wie viele Sonnenminuten oder Wind sie haben werden, desto genauer können sie ihre Stromgewinnung berechnen.» Profitieren könnten aber auch Flughäfen und Transportunternehmen, genauso wie die Forschung und viele mehr, erklärt Fengler seine Pläne. In der Branche ist sein Unternehmen längst keine Unbekannte mehr. So haben bereits namhafte Institutionen wie der nationale Wetterdienst der USA Interesse an der Methode des innovativen St. Galler Unternehmens angemeldet und erste Studien damit durchgeführt.


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