Wie ein Backrezept zum Krimi wird

Der St. Galler Autor Stephan Sigg kann Schreibblockaden lösen und lässt in seinen Workshops die Ideen sprudeln. Im Interview erklärt er, wie er beim Busfahren Geschichten sammelt und warum auch Rezepte inspirierend sein können.
22. Juni 2015, 02:40
ROGER BERHALTER

Herr Sigg, Sie sind Profi darin, Leute zum Schreiben zu bringen. Haben Sie selber noch Schreibblockaden?

Stephan Sigg: Es gibt auch bei mir Phasen, in denen ich weniger konzentriert bin. Dann schimpfe ich jeweils mit mir, schliesslich kenne ich doch so viele Methoden, um den Schreibfluss in Gang zu setzen! Bei kleineren Flauten höre ich jeweils Musik, bis ich an einer Textzeile hängen bleibe. Und wenn gar nichts geht, fahre ich Bus.

Sie fahren Bus?

Sigg: Ja, ich setze mich in den Bus und fahre so lange, bis ich eine Idee habe. Das dauert meist nicht lange, zwei oder drei Stationen vielleicht.

Wie kommen Sie im Bus auf Ideen?

Sigg: Ich beobachte. Es geht darum, den Alltag bewusster wahrzunehmen, das versuche ich auch in meinen Schreibworkshops zu vermitteln. Der Alltag scheint oft banal, ist aber in Wahrheit inspirierend. Gut möglich, dass ich auf einer Busfahrt vom Marktplatz zum Hauptbahnhof Ideen für mindestens zwei Geschichten sammle.

Das klingt jetzt fast zu einfach. Ist Schreiben wirklich so ein Kinderspiel?

Sigg: Der Trick ist, nicht zu lange nach einem Thema zu suchen. So schränkt man sich viel zu sehr ein. Bitte ich meine Workshop-Teilnehmer zum Beispiel, auf Kommando zu schreiben, so schreiben sie meist nicht, sondern denken erst einmal nach.

Was tun Sie dagegen?

Sigg: Eine simple Methode ist, die Zeit zu stoppen und zum Beispiel zwei Minuten lang draufloszuschreiben. Ohne Thema, ohne Komma, ohne Punkt und ohne abzusetzen.

Was bringt das?

Sigg: Der Schreibfluss kommt in Gang. Man vergisst die Welt um sich herum, im Idealfall sogar die Zeit, und kommt in den Flow. Es fliesst, es sprudelt, und man hat Textmaterial, mit dem man arbeiten kann. Gerade Schüler, die sonst nur kurz und knapp kommunizieren, schreiben auf diese Weise plötzlich viel.

Sie haben vor allem Erfahrung mit Kindern und Jugendlichen. Funktionieren Ihre Methoden auch bei Erwachsenen?

Sigg: Mit Primarschülern geht es am leichtesten. Erwachsene tun sich schwerer mit dem freien Schreiben, und es braucht viel, bis sie aus ihrem Korsett kommen. Gerade Akademiker, mit denen ich oft zu tun habe, haben Angst, das Gesicht zu verlieren. Doch ist bei ihnen auch das Aha-Erlebnis grösser und die Erleichterung nach einer Übung.

Warum sind Erwachsene so blockiert, wenn es ums Schreiben geht?

Sigg: Das hat auch mit der Schule zu tun. Schreiben wird dort als etwas Formales vermittelt, es gehört viel Grammatik und Rechtschreibung dazu. Das blockiert, und die Lust am freien Schreiben geht verloren. Die meisten meiner Methoden zielen denn auch darauf ab, drauflos zu schreiben. Das ist für viele befreiend: Texte zu schreiben, die keinen Zweck erfüllen müssen – im Gegensatz zu einem Beschwerdebrief oder einem Sitzungsprotokoll.

Ihre Methoden machen mich also zu einem kreativen Autor, helfen mir aber nicht dabei, eine Glückwunschkarte zu schreiben.

Sigg: Doch, aber erst in einem nächsten Schritt. Zuerst schreibt man drauflos, aber danach wird's konkret. Ich habe mit Erwachsenen auch schon das Schreiben von Glückwunschkarten geübt, abseits der gängigen Floskeln. Oder wir schreiben Komplimentgedichte. Den Jugendlichen sage ich jeweils: Was ich euch beibringe, könnt ihr auch in eurer nächsten WhatsApp-Nachricht anwenden.

Sie machen selbst Backrezepte zu Kurzgeschichten. Wie geht das?

Sigg: Die Grundidee ist: Man kann sich von allem inspirieren lassen. Eben auch von einem Rezept. Man kann sich zum Beispiel überlegen, was es im Zucker auslöst, wenn er sich mit der Butter vermischt? Oder das Rezept kann sich zum Krimi entwickeln: Vielleicht hat der Koch eine wichtige Zutat vergessen? Ausgerechnet heute, wenn prominente Gäste kommen? In einer halben Stunde schon? Sie sehen: Schon ist eine Geschichte entstanden.


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