Was Vadian und seine Zeit bewegte

Die Vadianische Sammlung der Ortsbürgergemeinde beherbergt eine Sammlung von über 4000 Briefen aus der Reformationszeit. Viele davon hat Vadian geschrieben oder erhalten. Nun werden sie im Internet zugänglich gemacht.
10. Dezember 2015, 02:35
BEDA HANIMANN

Der 1484 in St. Gallen geborene und 1551 gestorbene Vadian war Humanist, Mediziner, Gelehrter, Bürgermeister und Reformator. Aber er war auch Grossvater. In einem Brief an seine zur Kur weilende Tochter Dorothea sorgte er sich 1549 über die schwere Erkrankung des Enkelkindes. «In diesen Briefen lernt man auch eine weniger bekannte, persönliche Seite von Vadian kennen», sagt die Historikerin Rezia Krauer, Leiterin der Forschungsstelle Vadianische Sammlung der Ortsbürgergemeinde. Der Brief an die Tochter ist einer von über 4000 von und an Vadian oder aus dessen Umfeld, die in der Vadianischen Sammlung ruhen.

Drei Jahre laufendes Projekt

Derzeit sind Krauer und der Lateinexperte Clemens Müller damit beschäftigt, die Vadian-Briefe zu digitalisieren und im Internet zugänglich zu machen, wie das Regionaljournal Ostschweiz von SRF 1 meldete. Der grösste Teil der Briefe sei in Fachkreisen bekannt, erläutert Rezia Krauer, etwa 400 Briefe aber seien bisher völlig unbekannt gewesen. Mit dem im August gestarteten Projekt der Digitalisierung soll ab Sommer 2018 über Internet der direkte Zugriff auf die Briefsammlung möglich sein, die im Lauf des 17. Jahrhunderts nach St. Gallen kam, teilweise durch Ankauf.

Unmittelbare Zeitdokumente

«Diese Briefe sind wertvolle Zeitdokumente, man erfährt darin sehr viel über St. Gallen und das Leben in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts», sagt Rezia Krauer. Denn thematisch decken diese Schriften ein breites Spektrum privaten und öffentlichen Lebens ab. Da geht es um reformatorische Themen wie die Debatte um den Abendmahlsstreit oder die Beziehung zu den Täufern, es werden Erfahrungen ausgetauscht zwischen St. Gallen, Zürich oder Bern. «Es werden aber auch persönliche Themen verhandelt», erklärt Rezia Krauer, «der gut vernetzte Vadian wird etwa angefragt, ob er für einen Freund eine Frau wisse oder einen Tip geben könne, wo man Geld investieren solle.» Briefe seien als unmittelbare Zeugnisse aus dem täglichen Leben wichtige Hinweise darauf, wie in der betreffenden Zeit gelebt worden sei. Sie stellten ein wertvolles Instrument der Wissensvermittlung dar.

Beitrag zum Reformationsjahr

Interessierte hatten schon bisher die Möglichkeit, Einblick in die Vadianische Briefsammlung zu erhalten. «Einen Besuchstermin abzumachen, ist aber die weit grössere Hürde, als von zu Hause aus über Internet in den Briefen zu schmökern», sagt Rezia Krauer. Mit der Digitalisierung soll eine gezielte Suche möglich werden.

In das Projekt der Digitalisierung fällt das Reformationsjahr 2017. Das sei eine glückliche Fügung, sagt Rezia Krauer. Die Vadianische Sammlung kann mit der Offenlegung der Briefe einen Beitrag leisten zu den Diskussionen um die Reformation, die 2017 anstehen.


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