These: Strahlen als Unfallursache

ST.GALLEN ⋅ Der St. Galler Bauökologe Hansueli Stettler vermutet, dass starke Mobilfunkstrahlung den Postauto-Unfall an der Langgasse verursacht hat. Ein ETH-Experte und die Stadtpolizei relativieren die These.
08. Februar 2017, 05:37
Luca Ghiselli

Luca Ghiselli

luca.ghiselli@tagblatt.ch

Hansueli Stettler beschäftigt sich seit langem mit den Auswirkungen von Mobilfunkstrahlung auf menschliche und pflanzliche Organismen. Er ist überzeugt: An sogenannten Hotspots, wo die Strahlung plötzlich besonders hoch ist, hat sie einen negativen Einfluss auf das Nervensystem und kann zu unvermittelten Schwächeanfällen führen. Stettler dokumentiert auf seiner Homepage Verkehrsunfälle, die sich in der Nähe von Mobilfunkantennen ereignet haben. Vergangenen Donnerstagabend ist bei einem solchen Unfall ein Postauto von der Fahrbahn abgekommen und gegen einen Baum geprallt. Sieben Personen wurden dabei verletzt. Um die Strahlung vor Ort zu überprüfen, hat Stettler eine Messfahrt durchgeführt und das Video auf Youtube gestellt. Tatsächlich ist auf den Aufnahmen zu erkennen, dass das Messgerät kurz vor der Unfallstelle ausschlägt.»

In der Stadt St.Gallen ist am Donnerstagabend in der Langgasse ein Postauto gegen einen Baum geprallt. Sieben Personen wurden dabei verletzt. Ein Teil der Postautotüre musste mit Spezialwerkzeug aufgeschnitten werden. (Bilder: Peter Hummel)

«Entscheidend ist dabei nicht die durchschnittliche Belastung, sondern plötzliche Spitzenwerte», sagt Stettler. Diese seien wie ein Peitschenschlag. Das Hirn werde an Hotspots durch hochaggressive Spannungsverdrängungen geschockt, wodurch es zu einem Schwächeanfall kommen könne. Laut Stettler ist die Langgasse ein solcher Hotspot. Wissenschaftlich sind Stettlers Thesen sehr umstritten. Er selbst sagt: «Aus meiner Sicht gibt es eine klare Korrelation zwischen plötzlichen Schwächeanfällen am Steuer und hoher Mobilfunkstrahlung.

«Nicht überraschend, sondern logisch»

Gregor Dürrenberger von der Forschungsstiftung Strom und Mobilkommunikation der ETH Zürich relativiert Stettlers These. «Ein Zusammenhang zwischen Mobilfunkstrahlung von Basisstationen und Aufmerksamkeitsdefiziten ist wissenschaftlich nicht erwiesen.» Auch ein genereller Zusammenhang zwischen Wohlbefinden und Strahlung von Basisstationsantennen sei nicht belegt. «Aus Einzelfallbeobachtungen lassen sich keine allgemeingültigen Aussagen oder gar kausale Schlüsse ziehen», sagt Dürrenberger. Auf dem ganzen Schweizer Strassennetz gebe es Mobilfunkempfang. Die Feldstärken der Signale seien sowohl räumlich als auch zeitlich sehr heterogen. «Es ist deshalb unvermeidlich, dass Unfälle auch an Orten stattfinden, wo Spitzenwerte gemessen oder rekonstruiert werden können», sagt Dürrenberger. Das sei weder überraschend noch erstaunlich, sondern nur logisch und erwartbar.

Elektrosmog spielt bei Ermittlungen keine Rolle

Dionys Widmer, Mediensprecher der Stadtpolizei, erklärt auf Anfrage, dass die Rekonstruktion von Strahlungswerten nicht in die Unfallermittlungen einfliesst. «Dafür müsste der Chauffeur, der von einem medizinischen Problem betroffen war, eindeutig entsprechende Aussagen machen», sagt Widmer. Erst dann könnte ein Gutachten in Auftrag gegeben werden. Die Unfallermittlungen seien indes noch nicht abgeschlossen. «Es stehen noch Befragungen aus», sagt Widmer. Auf der Langgasse hätten sich, gemessen am Verkehrsaufkommen, in den vergangenen Jahren aber nicht mehr Unfälle ereignet, als an anderen Orten in der Stadt. Wie die Postauto Schweiz AG erklärt, ist der betroffene Postautochauffeur noch nicht zurück im Dienst. Er ist noch immer krankgeschrieben.

www.hansuelistettler.ch


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