Rote Köpfe seit den 1960ern

ST.GALLEN ⋅ In einer Woche entscheidet das städtische Stimmvolk über die Güterbahnhof-Initiative. Es ist beileibe nicht das erstemal, dass in der Stadt so über ein grosses Strassenbauprojekt diskutiert wird. Die Verkehrspolitik erscheint im Rückblick sogar als eine lange Reihe politischer Kämpfe.

20. Februar 2016, 08:35
RETO VONESCHEN

Derzeit wird in der Stadt St. Gallen wieder einmal heftig über ein Strassenprojekt gestritten. Einen Vorentscheid über die unterirdische Entlastungsstrasse vom Sitterviadukt der Stadtautobahn via Güterbahnhof in die Liebegg fällt das städtische Stimmvolk am 28. Februar. Aus Anlass dieser Abstimmung über ein weiteres Jahrhundertprojekt der Strassenbauer hinterfragt eine Vortragsreihe der Erfreulichen Universität im Palace die heutige Verkehrspolitik.

Ausbauen oder beruhigen?

Am vergangenen Dienstag tat René Hornung, Journalist und langjähriger Beobachter der städtischen Politik, einen Blick zurück. Im Schnellzugstempo rekapitulierte er fünfzig Jahre Verkehrsplanung. Dabei zeigte sich, dass der Strassenverkehr und die Rezepte zu seiner Bewältigung seit den 1960er-Jahren immer wieder für rote Köpfe und heftige Kämpfe sorgen.

Der Konflikt zwischen jenen, die den Verkehr durch ständig mehr Strassenbau bewältigen wollen, und jenen, die das Heil in der Verkehrsberuhigung sehen, entzündet sich an jeweils gerade aktuellen Grossprojekten. Dadurch kam es zu legendären politischen Auseinandersetzungen, bei denen in den 1970er- und 1980er-Jahren Bürgeraktionen und Basisbewegungen eine Zentrale spielten.

Und: Das Verkehrsaufkommen nahm in den vergangenen Jahrzehnten konstant zu. Neu erstellte Strassenkapazitäten wurden dadurch rasch wieder aufgefüllt. Gegenüber früheren Jahrzehnten hat sich das Verkehrswachstum in den letzten Jahren allerdings verlangsamt. Wohin diese Fahrt geht, ist offen – und natürlich auch ein ständiger Zankapfel in der Verkehrspolitik.

Der Generalverkehrsplan

Das Grundkonzept der Stadtsanktgaller Verkehrspolitik geht zurück auf die späten 1950er- und die 1960er-Jahre. Angesichts der damals einsetzenden Boomjahre wurden Stadt und Region eine grossartige Bevölkerungs- und damit verbunden auch Verkehrsentwicklung vorausgesagt. Der sogenannte Generalverkehrsplan ging 1964 von bald einmal 136 000 Einwohnern für St. Gallen aus. Der Plan sah vor, am Fuss der Hügelzüge, die die Stadt nördlich und südlich begrenzen, durchgehende grosszügige Verkehrsachsen zu erstellen. Nach US-Vorbild sollten sie vierspurig werden; stellenweise ging man sogar von zwei Fahrbahnen übereinander aus. Verbunden werden sollten die Achsen in regelmässigen Abständen durch Querspangen.

Die Südumfahrung

Der Generalverkehrsplan als solcher wurde nie verwirklicht. Aus der offiziellen Verkehrspolitik verabschiedet hat sich der Gedanke, es brauche links und rechts der Altstadt eine Durchgangsstrasse, aber erst mit der Verkehrsberuhigung und Neugestaltung der südlichen Altstadt. Hier dauerte der Kampf gegen diverse Varianten der sogenannten Südumfahrung über dreissig Jahre – von den späten 1960ern bis weit in die 1990er hinein. Bekannteste Episoden daraus sind der kulturelle Widerstand mit dem Circus Pic-o-Pello in den 1970er-Jahren und die Widerstandsaktionen mit Nasen und Ohren des Quartiervereins Gallusplatz in den 1980er-Jahren.

Streit um die Stadtautobahn

Gestritten wurde nach Erlass des Generalverkehrsplans auch auf der Nordseite der Stadt. Hier ging's in den 1970ern um die Linienführung der Autobahn. Den Plänen, wie sie bis 1987 dann auch realisiert wurden, erwuchs heftige Opposition, nicht zuletzt aus CVP-Kreisen.

Man solle die Schnellstrasse nicht durchs Siedlungsgebiet im Osten der Stadt, sondern aussen herum führen, wurde gefordert. Heftig diskutiert wurde auch über den Autobahnanschluss St. Fiden und die neue Splügenbrücke, die das Quartier zerschnitten und bis heute prägen.

Genau wie der lange Streit um die Südumfahrung wurde der Konflikt um die Autobahn mit harten Bandagen und viel Emotionen ausgefochten. Legendär ist eine linke Protestaktion bei der Autobahneröffnung, angesichts derer sich ein Mitglied der Kantonsregierung zu Handgreiflichkeiten hinreissen liess. Was vor allem zeigt, wie unversöhnlich zuvor die Positionen aufeinandergeprallt waren.


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