Rockszene soll weiblicher werden

Am Montag startet in St. Gallen zum zweitenmal der «Female Bandworkshop». Dieser bringt junge Musikerinnen als Band zusammen. Als solche erproben sie professionell betreut das Musikerleben. Sechs junge Frauen nehmen teil.
16. Oktober 2015, 06:29
KATHRIN REIMANN

Barbara Balzan ist es wichtig, dass der «Female Bandworkshop» nicht als Emanzenprojekt missverstanden wird. «Dann hätte ich nämlich nicht zugesagt, ihn zu leiten.» Die Jazzsängerin hatte vor ihrer Zusage einen ähnlichen Workshop in Winterthur besucht: «Ich war von der weiblichen Kraft und dem Selbstvertrauen der Musikerinnen beeindruckt und spürte: Da liegt viel Potenzial.» Nachdem sie bereits im letzten Jahr durch den Workshop im Musikzentrum St. Gallen geführt hat, teilt sie sich dieses Jahr diese Position mit der St. Galler Komponistin Alice Baumgartner.

Krisen bewältigen und bleiben

Sechs junge Frauen aus St. Gallen und Umgebung haben sich für den Workshop, der am Montag beginnt, angemeldet. Dieser dauert acht Monate und umfasst 20 Lektionen à zwei Stunden. «In dieser Zeit werden die Mädchen zur Band, entwickeln als solche Kompetenz und erarbeiten während eines halben Jahres ein Live-Repertoire, mit dem sie dann auch auftreten», sagt Christian Braun, Leiter des Musikzentrums St. Gallen, der den Workshop in Zusammenarbeit mit «Helvetia rockt» organisiert (siehe Kasten). Wichtiger als Konzerte ist ihm aber der Lernprozess, den die Musikerinnen durchlaufen. «Sie arbeiten zusammen, bewältigen Krisen und entwickeln Selbstbewusstsein.» Dadurch erhofft er sich, dass die Mädchen der Musik längerfristig treu bleiben: «Im Jazz, Pop und Rock finden sich nur wenige Frauen. Junge Frauen neigen dazu, nach dem Ende der Schulzeit das Spielen eines Instrumentes aufzugeben.» Erste Erfolge sieht man bei den Teilnehmerinnen vom letzten Jahr. Zwei Musikerinnen der vierköpfige Band Hashtag des letzten Workshops musizieren gemeinsam weiter und sind via Facebook auf der Suche nach neuen Bandmitgliedern.

Plattform für neue Instrumente

Dieses Jahr haben sich Sängerinnen, eine Violinistin und eine Gitarristin angemeldet. Barbara Balzan und Alice Baumgartner haben sich bereits überlegt, in welche Richtung sich die zukünftige Band entwickeln könnte. «Wir bieten den Musikerinnen auch die Plattform, um neue Instrumente zu erlernen», sagt Balzan und hofft, dass eines der Mädchen die Perkussion oder den Bass übernimmt. «Die Band hat aber das Sagen und bestimmt die Richtung.» Die Aufgabe der Coaches ist es, die Stärken der Musikerinnen zu erkennen und zu fördern sowie Schwächen auszubügeln. «Die letzte Band hat eigene Songs geschrieben, auch das ist möglich.»

Barbara Balzan ist gespannt, welche Talente und Stärken die Teilnehmerinnen dieses Jahr mitbringen und auch auf die neue Zusammenarbeit mit Co-Coach Alice Baumgartner freut sie sich. «Wenn Frauen zusammenarbeiten, entsteht eine weibliche Stärke», sagt Balzan. Sie erlebte die Mädchen und jungen Frauen im letzten Workshop als sehr selbständig, feinfühlig, kritikfähig, aber überhaupt nicht zickig. Ausserdem würden bei einer reinen Frauenband Liebesgeschichten unter den Bandmitgliedern wegfallen.

Eine weibliche Musik-Zukunft

Auch für Christian Braun ist es wichtig, einen geschützten Raum für Musikerinnen zu schaffen. «Ich stehe der ganzen Gender-Thematik zwar kritisch gegenüber, erachte es aber als sehr wichtig und auch als sehr nötig, den weiblichen Musikernachwuchs zu fördern.» Denn wenn es so gelänge, junge Frauen langfristig für die Musik zu motivieren, würde der Schweizerische Jazz-, Pop- und Rock-Musikbereich in Zukunft um einiges weiblicher.


Leserkommentare

Anzeige: