Kinderwagen sind ein Risiko

PRINZIPIENFRAGE ⋅ Im neuen Naturmuseum sind Kinderwagen in den Ausstellungsräumen nicht erlaubt. Dem Museum wird nun mangelnde Familienfreundlichkeit vorgeworfen. Dabei steht es mit der Regel nicht alleine da.

Aktualisiert: 
16.02.2017, 18:00
16. Februar 2017, 18:18
Elisabeth Reisp

Kinderwagen müssen im Foyer des Naturmuseums parkiert werden und dürfen nicht in die Ausstellungsräume. Eine an und für sich gängige Praxis, einige Eltern stören sich aber daran. Jetzt wird dieser Umstand sogar zum Politikum. SP-Stadtparlamentarierin Helena Falk hat dazu eine Einfache Anfrage eingereicht: "Kinderwagenverbot im Naturmuseum: Wo bleibt die Kinderfreundlichkeit?"

Dass das Naturmuseum nicht kinder- und familienfreundlich sein soll, ist ein Vorwurf, den Museumsdirektor Toni Bürgin so nicht stehen lassen will. Bereits am alten Standort war das Mitführen eines Kinderwagens nicht erlaubt. Aus Sicherheitsgründen. Daran halte man auch im neuen Naturmuseum fest, sagt Bürgin. Denn in grosser Anzahl seien sie ein Sicherheitsrisiko. "Gerade an Wochenenden dürfen wir viele Besucher zählen. Im Falle einer Evakuierung würden Kinderwagen die Aus- und Abgänge verstopfen." Auch seien einige Bereiche des Museums eher dicht gestaltet. Würden Eltern ihre Kinderwagen durch die engeren Passagen schieben, entstünden Beschädigungen.

Gratis Tragehilfen für Eltern
Unter der Woche ist die Besucherzahl überschaubar. Dennoch hält das Naturmuseum auch dann am Kinderwagenverbot fest. "Gäben wir einmal nach, müssten wir danach immer wieder Diskussionen führen. Daher haben wir uns entschieden, diese Regel strikt durchzusetzen."

Das Naturmuseum lässt die Mütter und Väter mit Kleinkindern aber nicht im Regen stehen. Es gibt gratis Tragehilfen ab, mit denen Eltern ihre Kinder auf sich tragen können. Der Vorwurf, ein schlafendes Kind könne man nicht im Wagen alleine lassen, wie es in der Einfachen Anfrage heisst, pariert Bürgin. "Auch schon haben unsere Damen am Empfang den Hütedienst für im Wagen schlafende Kinder übernommen und die Eltern auf dem Handy angerufen, wenn das Kind aufgewacht ist." Bürgin: "Geht es um Familienfreundlichkeit, müssen wir uns nicht verstecken." Nicht zuletzt biete das Museum auch einen Platz zum Picknicken an. "Viele Familien verpflegen sich mit Mitgebrachtem. Immer wenn der Emil-Bächler-Saal frei ist, dürfen Familien dort essen", sagt Bürgin. Und sowieso: Kinderwagenverbote seien nicht unüblich, sagt Bürgin abschliessend und verweist auf das Historische und Völkerkundemuseum.

Kein Verbot, aber...
Dessen Direktor Daniel Studer bestätigt dies. Teilweise. Das Historische und Völkerkundemuseum selbst kenne kein explizites Verbot. Aber es sei wirklich nicht ideal, wenn Familien mit Kinderwagen durch die Ausstellungsräume rollten, räumt Studer ein. Auch wegen der Treppen und der Schwellen zwischen den Sälen. "Besucher mit Kinderwagen sind bei uns aber sowieso nicht sehr häufig. Wenn, dann stellen diese den Wagen von sich aus im Vestibül ab", sagt Studer. Ansonsten suchen die Mitarbeiter das Gespräch mit den Eltern.

Luzerner Museum ist noch "alte Schule"

Ob Kinderwagen im Museum erlaubt sind, hängt vom Museum respektive von dessen Ausstellungspolitik ab. Im Luzerner Naturmuseum beispielsweise sind Kinderwagen in den Ausstellungsräumen erlaubt. "Aber nur, weil wir noch ein Museum alter Schule mit vielen Vitrinen sind", sagt Regina Ockenfels, Empfangsmitarbeiterin. Wertvolle Exponate seien durch die Schaukästen geschützt. Und jene in Bodennähe dürften sowieso angefasst werden. Nicht so in St.Gallen: Dort sind viele Exponate extra tief ausgestellt, damit Kinder diese auf Augenhöhe bestaunen können. Aber auch das Luzerner Naturmuseum verbannt Kinderwagen zeitweise aus der Ausstellung: Immer an Ostern, wenn lebende Kücken ausgestellt werden. Ockenfels: "Die Kinder dürfen diese in die Hände nehmen. Wenn ein Kücken entwischt, wäre die Gefahr gross, dass es von einem Kinderwagen überfahren wird." (rsp)

"Sammeln, erforschen, vermitteln" lautet das Motto des neuen St.Galler Naturmuseums. Im äussersten Osten der Stadt haben Besucherinnen und Besucher die Möglichkeit über 100'000 Präparate und Objekte zu besichtigen. Das Herzstück der Dauerausstellung ist das farbige Landschaftsrelief "Vom Bodensee zum Ringelspitz". Mit einer Grösse von 37 Quadratmeter ist dieses Relief der Schweiz einmalig.


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