Gegen den neoliberalen Sog

Irene Varga ist Initiantin der politischen Gruppierung «Parteifrei St. Gallen». Deren Ziel ist ein Sitz im Nationalrat. Die umtriebige Netzwerkerin bezeichnet sich als Denkerin und Künstlerin und hat einen Abschluss in Toxikologie.
17. November 2014, 02:34
MARTIN PREISSER

BERG SG. Zum Gespräch in ihrer Dachwohnung mit Blick auf den See präsentiert Irene Varga den Esstisch als sichtbares Netzwerk. Bücher, Karten, Fotos, Kopien machen auf den ersten Blick deutlich, welche Themen sie beschäftigen. Auffällig sind auch die weissen Plüschhäschen, die auf ihr Engagement als Tierschützerin verweisen. Irene Varga politisiert jenseits aller Parteigrenzen. Freies Denken statt «parteigebundene Brainwashings» wolle sie leben. Ihre Wohnräume sind voller Bücher und vor allem voller Bilder. Ein Zimmer, wiederum mit Plüschhäschen, ist ihr Antitierversuch-Raum, gespickt mit ihren Malereien zu diesem Thema.

Toxikologin gegen Tierversuche

«Freie Denkerin und Künstlerin» nennt sich Irene Varga offiziell. Dieses Jahr hat sie die St. Galler Sektion von «Parteifrei» gegründet. Fünf Kandidatinnen und Kandidaten bewerben sich 2015 um einen Platz im Nationalrat. 200 Stimmen braucht Irene Varga, damit «Parteifrei» eine offizielle Liste wird. 55 Ausstellungen hat die Künstlerin hinter sich, und mit Herzblut vernetzt sie auch Kunstschaffende. Irene Varga, die gegen den «neoliberalen Sog» andenkt, in dem sich die Schweiz ihrer Meinung nach befindet, ist nicht nur Künstlerin, sondern bringt in ihr Engagement auch naturwissenschaftliches Denken ein. An der ETH Zürich hat die heute 55-Jährige einst in Toxikologie abgeschlossen. Zu einer Doktorarbeit kam es nicht mehr. «Unter meinem Namen sterben nicht 2000 Ratten», hatte sie sich damals geschworen.

Varga hat danach als Informatikerin im Projektmanagement gearbeitet. «Ich weiss, wie Konzerne in ihrem Innern funktionieren», sagt sie. Und das, was sie weiss, hat dazu geführt, diese Arbeitswelt hinter sich zu lassen. Sie ist ausgestiegen. «In diesen Systemen hätte ich nicht überlebt», ist sie heute überzeugt. Irene Varga lebt einfach und von den Ersparnissen. Viele Kleider sind 20jährig. Flugreisen und Skifahren sind tabu. «Bescheiden leben ist schön, solange es freiwillig ist», sagt sie. Dass man sie, die in Berg auch den Dorfverein Forum 92 Berg-Freidorf präsidiert, manchmal als «schräg» bezeichnet, nimmt sie als Kompliment.

Wunsch: Die Hälfte unabhängig

Mit «Parteifrei» strebe sie eine Politik der «Fairness, Ehrlichkeit und Transparenz» an. «Irgendwann ist die Zeit reif für Politik jenseits von Parteidoktrinen», glaubt Irene Varga. Ein Wunschziel wäre für sie, dass die Hälfte des Parlaments dereinst aus parteiunabhängigen Mitgliedern bestünde. Der Schaffhauser Ständerat Thomas Minder mit seiner bekannten Abzocker-Initiative ist für Irene Varga das Paradebeispiel. «Minder hat gezeigt, was man als Parteiloser erreichen kann. Er hat <parteifrei> gesellschaftsfähig gemacht.»

Klar die Pro- und Contra-Argumente in einer Sachfrage herauskristallisieren, das sei eines ihrer Hauptanliegen – und das Vernetzen. Und das sich wirklich Hineinknien in komplizierte Theorien sei etwas, was sie mit Leidenschaft mache. Irene Varga wünscht sich eine unabhängige Schweiz, auch ohne Personenfreizügigkeit, die für sie im Grunde nur «ein Element im sinnlosen globalen Transfer und wilden Fluktuieren von Menschen, Kapital und Waren» darstellt. Auch zur AHV, die durch progressive Steuern und Einnahmen aus Kapitalerträgen deutlich mehr gefüllt sein müsste, oder zum bedingungslosen Grundeinkommen hat Irene Varga ihre dezidierte Meinung.

Immer wieder fällt im Gespräch der Wunsch nach wirklich selbstverantwortlichem Politisieren, jenseits hierarchischer Strukturen. Die gängigen Parteiprogramme würden allzu oft allzu vorschnelle Lösungen anbieten. Um das Land macht sie sich echte Sorgen. «Unsere direkte Demokratie bremst im Moment noch die Wucht des Neoliberalismus, aber die Bremswirkung wird schwächer. Ich habe Angst, dass das Soziale und die Demokratie bachab gehen, wenn nicht über die Parteigrenzen hinaus eine viel breitere Öffentlichkeit politisch partizipiert.»


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