Familienferien am Filmset

Familie Klinger opfert die Sommerferien jedes Jahr für ein neues Filmprojekt. Nach sechs Filmen gewannen die St. Galler im vergangenen Jahr an den Schweizer Jugendfilmtagen den Preis fürs beste Familienteam.
07. Januar 2009, 01:02
sonja enz

In der Stube von Familie Klinger sitzt eine lebensgrosse Stoffpuppe am Esstisch. Die langen Glieder sind aus bezogenem Karton, der Kopf fehlt noch. Der «Dummie» verrät etwas über die aussergewöhnliche Leidenschaft der vierköpfigen Familie: Er dient als Stuntman und Leiche in den selbstgedrehten Action- und Abenteuerfilmen.

Während fünf Jahren hat Familie Klinger sechs etwa halbstündige Filme gedreht, die mit verschiedenen Preisen ausgezeichnet wurden. Im März 2008 erhielten Klingers an den Schweizer Jugendfilmtagen den Spezialpreis fürs beste Familienteam.

Von Robin Hood bis James Bond

Vater und Mutter Klinger sowie ihre beiden Söhne verfilmten 2003 den Comic Marsupilami. Nach diesem ersten Projekt folgten fünf weitere Filme, darunter die Star-Wars-Parodie «Der Chip der Macht» und der Abenteuerfilm «Der Smaragd von Cortez». «Mit jedem Film entwickeln wir uns weiter. Die Themen, die wir in den Filmen anreissen, sind auch immer ein Spiegel unserer momentanen Interessen», sagt der 17jährige Roland. So kam es von der Comicverfilmung über den Robin-Hood-Verschnitt bis zur Star-Wars-Parodie. Der jüngste Film heisst «Top Secret – Ein neuer Agent» und parodiert James Bond.

Einfache Mittel und gute Ideen

Mit einfachsten Mitteln, guten Ideen und der nachträglichen Bearbeitung am Computer werden Actionszenen inszeniert: eine rasante Verfolgungsjagd mit Flugzeugen, der spektakuläre Zusammenbruch eines Chemiekonzerns und eine Schatzsuche mit Fackeln im Dschungel. Die Kehrichtverbrennungsanlage im Sittertobel wird im Film zur Chemiefabrik, der Wald nahe der Hüttenwiesstrasse wird zum südamerikanischen Dschungel.

Der 15jährige Sebastian bearbeitet die Szenen nachträglich am Computer und fügt Special Effects ein. Für ihre Leidenschaft opferten Klingers auch schon die Ferien: Um einen Film zu drehen, reisten sie in die französischen Vogesen. Familie Klinger hat ein eigenes Filmunternehmen gegründet. Es trägt den Namen Hoppel-Pictures – benannt nach ihrem verstorbenen Kaninchen.

Kostüme und Requisiten

Jeder Film ist ein Teamwork, jedes Familienmitglied hat seine Rolle. Mutter Andrea Klinger näht Kostüme, und ist für die Ausstattung zuständig. «Andrea macht aus einfachsten Materialien tolle Kostüme», sagt ihr Mann Stefan Klinger. Er selbst hat bei den ersten Filmen Kamera geführt, diesen Job aber nun an Sohn Sebastian abgegeben. Sebastian ist die «treibende Kraft hinter den Filmen», wie dieser selbst sagt. Der 15jährige führt Regie und ist für Filmmusik und Schnitt verantwortlich. Roland hat im neusten Film den Bösewicht gespielt und bastelt die Requisiten.

Neuer Film geplant

Die Familie ist sich einig: «Wir wollen beim Dreh unserer Filme vor allem Spass haben und bei den Zuschauern Spass auslösen.» Die Filme werden Angehörigen und Freunden gezeigt und für verschiedene Wettbewerbe eingeschickt. Eine Idee fürs nächste Projekt besteht bereits: Es dreht sich um das sagenumwobene Bernsteinzimmer. Nachkommen eines Generals des Zweiten Weltkriegs besitzen ein Stück Bernstein. Auf der Suche nach dessen Herkunft stossen sie auf viele Abenteuer. «Vielleicht gibt es beim neuen Film etwas weniger Gewalt und dafür mehr Gefühl», sagt Andrea Klinger. Die Söhne schauen sich an und lachen.


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