Es fehlt der Nachwuchs

Seit zehn Jahren sind an der St. Galler Fasnacht keine neuen Schnitzelbänkler aufgetreten. Dabei fehlt es nicht am Publikum. Dompfaffe Michael Hugentobler erklärt den Widerspruch.
03. Februar 2016, 02:40
FREDI KURTH

Die Liste erscheint auf den ersten Blick immer noch beeindruckend. 13 Namen umfasst die Schar der Schnitzelbänkler an der diesjährigen St. Galler Fasnacht, die meisten Solisten oder Duos. Doch Michael Hugentobler, der Sprecher der sehr lose verbundenen Verslikreateure, bedauert den Abgang langjähriger Schnitzelbänkler, ohne dass sich Nachwuchs ankündigt. Louis de St-Gall, einer der bekanntesten mit Basler Charme, ist zurückgetreten. Vor ihm hatten sich die Nebelkraie, Arzt und Gehilfin Gallenstein sowie die Stachelbeeri verabschiedet.

«Noch keine Krise»

Hugentobler trat vor zehn Jahren zusammen mit Lukas Beck erstmals als Dompfaffe auf. Seither hat sich aus der Stadt St. Gallen kein neues Ensemble mehr an die 13 Auftrittsorte – Kellerbühne, diverse Beizen, Lokremise – gewagt. «Andere wie Alliglattohre oder Drey Richter stammen nicht aus der Stadt und bestreiten leider auch nicht das volle Programm», sagt Hugentobler. «Und Cyril Gehrer ist bei den Lästerzungen als Familienangehöriger eingesprungen.»

Er mag noch nicht von einer Krise reden, auch weil über den schleichenden Verlust nur spekuliert werden kann. Vielleicht sind junge Leute weniger am Zeitgeschehen interessiert, und dieses Jahr fällt das Reimen angesichts schwieriger Themen wie IS oder Flüchtlingsdrama teilweise schwerer. So sollen die Terroranschläge mit ein Grund sein, weshalb dieses Jahr Martin Wettstein alias Papagallus eine Pause einschaltet.

Schnitzelbank darf alles

Für Michael Hugentobler ist just diese heikle Situation Anreiz, dezent einige Worte zu diesen Aktualitäten fallen zu lassen, nach dem Motto: Auch Schnitzelbank darf alles. Zudem böten unter anderem Verkehrsabstimmung, Baustellen, Parkplatzprojekte sowie die Stadträte generell reizvolle Ansätze. Es brauche gar nicht so viel für eine «Karriere» als Schnitzelbänkler. Jeder, ob jung oder alt, könne einfach mitmachen. Jeder, der sich dafür interessiere, was nah und fern geschehe. Niemand müsse irgendwelche Standards erfüllen, sagt Hugentobler. Sie selber hätten sich einst einfach mit Dani Mata (Matatouille) getroffen und besprochen, worauf es ankäme, und von Jahr zu Jahr gesteigert.

Die Antwort auf Kritik

In einem Leserbrief hat just vergangene Woche Hans Fässler das bescheidene Niveau der hiesigen Schnitzelbänkler bemängelt, auch dass diese nicht ernst zu nehmen seien, wenn sie ihresgleichen, also den Mächtigen, eins ans Bein pinkeln. Hugentobler entgegnet: «Im Grunde nehmen wir alle aufs Korn, die sich exponieren, ungeachtet der politischen Herkunft. Dabei trifft allerdings zu, dass die rechte Seite besser über unsere Sprüche lachen kann als die linke. Im übrigen ist niemand gezwungen, uns zuzuhören.» Der Dompfaffe schmunzelt und meint, dass sich jemand wie Fässler gerne selber als Schnitzelbänkler vor die Gäste stellen dürfe, um das Niveau zu heben, «denn schliesslich entscheidet das Publikum mit seiner Reaktion, ob ein Vers gut ist oder nicht».

Am Interesse fehlt es nicht. Die Schnitzelbank-Beizen sind meistens voll besetzt. Schon deshalb, um der Nachfrage mit zehn und mehr Auftritten an einem Abend zu genügen, würde zusätzliches, frisches Blut der Szene gut tun.


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