Eine Vernissage für Introvertierte

Morgen findet die Vernissage der beiden Fotografen Claudio Bäggli und Beni Blaser statt. Zwar findet diese Veranstaltung lediglich virtuell im Internet statt, die Bilder zeigen aber ganz reale und lebensnahe Szenen.
31. März 2015, 02:36
KATHRIN REIMANN

Vernissagen sind mehr als Ausstellungseröffnungen. Sie bedeuten Aufwand, Investition und am Anlass selber Sehen, Gesehenwerden und Smalltalk beim obligatem Glas Weisswein. Das ist nicht jedermanns Sache. Wer an der morgigen Vernissage des St. Galler Fotografen Claudio Bäggli und des Frauenfelders Beni Blaser teilnimmt, der kann das zu Hause auf dem Sofa machen und dabei im Trainer ein Bier öffnen. Denn die Vernissage findet nur auf Facebook statt.

Bilder von speziellen Leistungen

«Mir war es zu aufwendig, eine richtige Vernissage zu organisieren», begründet der 36jährige Bäggli die Wahl des Veranstaltungsortes. Seine Bilder habe er dennoch der Öffentlichkeit präsentieren wollen. «Ausserdem gibt es Leute, die nicht gerne an solche Anlässe gehen.»

Morgen ab 18 Uhr präsentieren die beiden Fotografen ihre Bilder auf der sozialen Internet-Plattform. Bägglis Motive stammen alle aus der Stadt. So zeigen seine 50 Bilder Stadtoriginale wie die Künstlerzwillinge Frank und Patrik Riklin, das Team vom Ristorante Facincani, die Damen hinter der Theke des «Bunte Küche»-Ladens, den Musiker Sebastian Bill oder Angestellte einer Putzfirma bei der Reinigung des Calatrava-Dachs beim Marktplatz. Als Stadtchronisten betrachtet sich Bäggli trotz all dieser Motive aber nicht. «Ich bin Fotograf. Einer, der Strassenszenen festhält und fotogene Leute, die etwas Spezielles leisten, ins Bild rückt.» Wichtig ist ihm, dass es sich dabei nicht um Motive handelt, die bereits x-mal fotografiert wurden. «Wenn mich eine Szene in ihren Bann gezogen hat, bin ich hingegangen und habe gefragt, ob ich Bilder machen darf.» Es hätten jeweils alle zugesagt, auch wenn sie nicht genau gewusst hätten, was mit diesen Bildern geschehen würde.

Kommentieren und liken

Sein Kollege Beni Blaser hält auf seinen 50 Fotografien Szenen aus Frauenfeld fest. «Es handelt sich um alte Polaroidaufnahmen. Im Detail kenne ich seine Bilder aber auch noch nicht», sagt Bäggli. Kennengelernt haben sich die Fotografen auf Facebook, seither kam es erst einmal zu einem Treffen. «Zu dem Zeitpunkt, als ich den Flyer für unsere Vernissage gestaltet habe, hatten wir uns sogar noch nie gesehen.» Doch die beiden haben auch so schnell gemerkt, dass sie ähnlich ticken und ihr eigenes Ding durchziehen.

Sichtbar wird dies morgen auf Facebook oder auf Claudio Bägglis Homepage. «Ich beginne um 18 Uhr meine Bilder hochzuladen», sagt der Sozialarbeiter. Und wer sich dann über die Bilder austauschen möchte oder sie kommentieren will, kann dies dank verschiedener Facebook-Funktionen auch umgehend tun. «Man kann meine Bilder natürlich auch liken oder kaufen», sagt Bäggli. Ausserdem werde er jedes Bild mit einer entsprechenden Legende versehen.

Nie etwas Ähnliches gesehen

Die letzten drei Wochen war der Hobbyfotograf mit diesem Projekt beschäftigt. Meistens fotografierte er dabei mit einer Spiegelreflexkamera, manchmal kam auch das iPhone zum Einsatz. Wie lange die virtuelle Vernissage dauern wird, ist noch unklar. «Aber ich werde auch in Zukunft mit offenen Augen durch die Stadt gehen und Leute, die etwas Schönes, Spezielles oder zu wenig Beachtetes machen, mit einem Bild würdigen.» Da er stets eine Kamera bei sich trägt, fängt er auch zufällige, aber interessante Szenen ein.

Ob «Blaser & Bäggli – 100 Bilder» die erste Vernissage ist, die sich nur im Internet abspielt, weiss Bäggli nicht so genau. «Ich habe aber noch nie von etwas Vergleichbarem gehört.»

www.facebook.com: Vernissage Blaser & Baeggli www.claudiobaeggli.com

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