Ein erster Blick ins Konsulat

ZWISCHENNUTZUNG ⋅ Früher wurden hier Pässe ausgestellt, jetzt haben Kulturschaffende das italienische Konsulat an der Frongartenstrasse 9 übernommen. Für alle Beteiligten ist es eine hochwillkommene Anschlusslösung.
21. Januar 2017, 05:36
Roger Berhalter

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@tagblatt.ch

Spuren von früher sind noch überall sichtbar. Italienische Schilder weisen auf die Videoüberwachung und auf das Rauchverbot hin – als ob hier noch immer Pässe ausgestellt würden. Doch das italienische Konsulat an der Frongartenstrasse 9 hat schon Mitte 2014 den Betrieb eingestellt. Jetzt kehrt wieder Leben ein. Bis Ende Jahr wird das Haus im Stadtzentrum zwischengenutzt, aus dem italienischen wird ein Kulturkonsulat.

Marisa Baumann ist hier früher schon Schlange gestanden, um ihren Pass zu verlängern. Jetzt sitzt die Künstlerin in ihrem Atelier und hantiert mit Papier. Sie ist eine von rund 30 Künstlerinnen und Künstlern, die sich derzeit hier einrichten. Doch das Konsulat ist mehr als nur ein Haus voller Ateliers. Im Erdgeschoss hat sich die Galerie Nextex eingemietet, im zweiten Stock befindet sich das Büro des Kulturmagazins «Saiten», es gibt ausserdem eine Küche, einen Gemeinschaftsraum mit Tschüttelikasten, einen offenen Raum für Projektarbeiten und ein Zimmer, das intern nur «Kirche» genannt wird. Zu den Mietern gehören Fotografen, Comic-Künstler, Holzschnitzer und Fachhochschülerinnen. Das Theater Cirque de Loin führt hier ein Büro, der Verein Gambrinus Jazz Plus hat Lagerfläche gemietet.

«Wir sind sehr froh um diesen Standort. Es ist nicht einfach, im Stadtzentrum bezahlbare Räume für Kultur zu finden», sagt Angela Kuratli von «Nextex». Die Galerie im Erdgeschoss eröffnete Mitte Dezember, seither ist die Ausstellung «Raunächte» öffentlich zugänglich: am Dienstag, 13–16 Uhr sowie am Donnerstag, 13–16 und 19–22 Uhr.

Neben «Nextex» stecken hinter dem Projekt auch das Kulturmagazin «Saiten» und Kulturschaffende aus dem Umfeld des Werkhauses 45 in Bruggen. Für alle Beteiligten ist das Konsulat eine hochwillkommene Anschlusslösung. Das «Nextex», bisher am Blumenbergplatz über dem Kulturbüro der Migros eingemietet, war dringend auf der Suche nach einem neuen Standort. Das Kulturmagazin «Saiten» sieht im Konsulat gemäss Mitteilung «die Chance, das Netzwerk der kreativen Kräfte in der Stadt zu bündeln». Zudem hat sich das Magazin das nomadische Umherziehen auf die Fahne geschrieben; nach sechs Jahren an der Schmiedgasse war es Zeit für einen Tapetenwechsel.

Das Werkhaus-Team schliesslich war ein halbes Jahr heimatlos und hat nun im Konsulat ein neues Zuhause gefunden Im vergangenen Sommer hatten Kulturschaffende unter dem Titel«Werkhaus 45» ein Geschäftsgebäude an der Haggenstrasse in Bruggen zwischengenutzt. Einige dieser Künstler sind jetzt auch wieder im Konsulat vertreten.

Alle Räume sind belegt

Einen knappen Monat vor der offiziellen Eröffnung am 11. Februar sind noch viele Räume leer. Das Konsulat füllt sich erst langsam, auf dem Papier ist es aber schon voll belegt. «Die meisten Ateliers werden sogar mehrfach genutzt. Wenns hoch kommt, stehen jedem Künstler zehn Quadratmeter zur Verfügung», sagt Claudia Wälchli vom Werkhaus-Team, die zusammen mit Angie Hauer für die Zuteilung der Ateliers in den oberen Geschossen zuständig ist.

Die Miete ist für die Künstler günstig, aber nicht gratis. Zwar stellt die Eigentümerin Medi­suisse, die St. Galler AHV-Ausgleichskasse der Ärzte, Zahnärzte, Tierärzte und Chiropraktiker, das Gebäude kostenlos zur Verfügung. Doch die Nebenkosten müssen die Bewohner selber bezahlen. Der Elektriker hat neue Steckdosen eingebaut und Netzwerkkabel verlegt. Der Heizungsmonteur hat die stotternde Heizung wieder zum Laufen gebracht. Es gibt drahtloses Internet, und auch eine Putzfrau wurde verpflichtet. Noch liegt auf der Terrasse Schnee, doch Grill und Gartenstühle für den Sommer stehen schon bereit.

Freitag, 27. Januar, 19 Uhr: Finissage im Nextex (Lesung mit Tim Krohn); 11. Februar: Offizielle Eröffnung des Konsulats


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