Ein Platz für alle – oder doch nicht?

Seit neun Jahren ist der Rote Platz im Bleicheli ein Markenzeichen St. Gallens. Ein Wohnzimmer mitten in der Stadt für die Städter. Der Heimatschutz stellte am Mittwoch an einer Führung trotzdem die Frage: Wie öffentlich ist der Rote Platz?
22. Oktober 2014, 02:32
ELISABETH REISP

Der Rote Platz war bei seiner Entstehung vor bald zehn Jahren eine Überraschung. Mit dem roten, weichen «Teppich» forcierten die Architekten eine Wohnzimmeratmosphäre mitten in der Stadt – und somit in öffentlichem Raum. Am Mittwoch nun wollte der Heimatschutz St. Gallen/Appenzell Innerrhoden der Frage nachgehen, wie öffentlich dieser Raum tatsächlich ist. Unter Moderation von Vorstandsmitglied Daniel Cavelti referierten auf dem Rundgang der Platzgestalter Carlos Martinez, HSG-Dozentin Monika Kritzmöller, Stadtplaner Florian Kessler und Martin Kaiser, Leiter der Bauherrenberatung Raiffeisen Schweiz.

Kurzweilig, aber unkritisch

Was als kontradiktorische Führung angedacht war, entwickelte sich zur kurzweiligen Führung, an der aber kritische Töne leise verhallten. Obwohl Moderator Daniel Cavelti, selbst Architekt, durchaus kritische Fragen stellte. Und diese auch wiederholte, wenn die Referenten geschickt auswichen. Die wichtigsten Fragen waren jene, welche die Bevölkerung auch bewegen: die Reinigung des Platzes, ob auch Veranstaltungen dort stattfinden dürfen und ob der Platz nicht autofrei werden sollte – wenigstens für Veranstaltungen.

Ob in den Schluchten zwischen den Raiffeisenbauten mehr Veranstaltungen stattfinden sollten, darauf blieben sowohl der Stadtplaner als auch Martin Kaiser von der Bauherrschaft die Antwort schuldig. Sie wiesen aber beide auf das Problem Autoverkehr hin. Da mittlerweile 400 Tiefgaragenplätze über diesen Platz erschlossen sind, sei es undenkbar geworden, ihn für den Verkehr zu sperren.

Moderator Daniel Cavelti äusserte die Überzeugung, dass mit einer öffentlichen Nutzung der Erdgeschosse – etwa mit Bars und Restaurants, welche auch abends geöffnet seien – der Platz belebt würde.

Mitarbeiter im Aquarium

In den Häusern der Raiffeisenbank sind aber viele Erdgeschossräume zu Büros umfunktioniert worden. Die Bank sei in den 1980er-Jahren in St. Gallen mit 200 Mitarbeitern gestartet, sagte Martin Kaiser. «Mittlerweile sind es 1000.» Deshalb seien nun auch im Erdgeschoss Büros eingerichtet. «Für die Raiffeisenbank auch eine Sicherheitsfrage. Der Blick auf die Bildschirme muss von aussen verwehrt werden.» Auch seien nicht alle Mitarbeiter glücklich, in einen Aquarium zu sitzen. Hier beisst sich die öffentliche Wohnzimmer-Idee mit den Bedürfnissen der Realität.

Mit allen Schuhen willkommen

Einig waren sich die Referenten, der Wohnzimmereffekt sei erreicht. Auf dem weichen Boden sei man «mit allen Schuhen willkommen», sagte Monika Kritzmöller, Gründerin des Forschungs- und Beratungsinstituts Trends und Positionen. Sie, die immer hohe Schuhe anhabe, laufe entspannt und bequem über den Platz. «Ohne dass ich ständig auf die Pflasterritzen schauen muss, um nicht darin stecken zu bleiben.» Der Nachteil des weichen Bodens ist sein aufwendiger Unterhalt. Was auch Architekt Carlos Martinez zu Beginn nicht wusste: «Autos färben auf dem Platz nicht nur ab, wenn sie drüberrollen. Auch wenn sie parkieren, hinterlassen sie Flecken.»

Obacht, Vase!

Überhaupt wusste der Architekt die Zuhörer mit spannenden Anekdoten aus dem Nähkästchen zu unterhalten. So sei die Form der grossen Vase auf dem neugestalteten Teil des Platzes, direkt vor dem Kinderhort, nicht in seinem Sinne gewesen. Die sich nach unten verjüngende Form entstand auf Wunsch der Behindertenvereinigung Procap. «An der ursprünglichen Form hätten sich Blinde den Kopf anschlagen können», so Martinez.

Für die Referenten war klar: Der Rote Platz ist «für alle da». Dass das tatsächlich so ist, bewiesen an jenem Abend die Jugendlichen, die auf einer Bank sitzend Energydrinks tranken, das Kind, das auf den Bänken kletterte, und die zahlreichen Autos, die während dieser Stunde über den Platz fuhren.


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