Ein Frauentag in der Männerwelt

ST.GALLEN ⋅ Gestern war Weltfrauentag. Dass es diesen heute noch braucht, da sind sich Monika Simmler (SP), Franziska Ryser (Junge Grüne) und Claudia Martin (SVP) einig. Auch wünschen sich alle mehr ihresgleichen in der Politik. Uneinig sind sie sich allerdings, wenn es um die Frauenquote geht.

09. März 2016, 07:08
KATHRIN REIMANN

Der Weltfrauentag hat lange Tradition. Bei der ersten Durchführung vor über hundert Jahren ging es um Anliegen, die heute als gegeben gelten, etwa das Frauenstimmrecht. Ist der Tag also noch nötig? In dem Punkt sind sich die Politikerinnen einig. «Selbstverständlich hat sich in den letzten 40 Jahren viel getan in bezug auf Gleichberechtigung – dies haben wir unzähligen Kämpfen unserer Vorgängerinnen zu verdanken. Aber noch längst sind nicht alle Ziele erreicht», sagt Monika Simmler, Präsidentin SP Kanton St. Gallen und Stadtparlamentarierin. Denn solange Frauen weniger verdienten als Männer, es weniger Frauen in Führungspositionen gäbe, Frauen den Hauptteil der Erziehungs- und Hausarbeit machten und es auch sonst viele Ungleichbehandlungen gäbe, sei dieser Tag da, um darauf aufmerksam zu machen.

Signal gegen Stagnation

Claudia Martin, SVP-Kantonsrätin und Präsidentin Kreispartei St. Gallen, sieht den Tag als Zeichen der Solidarität und als Dank an diejenigen, die sich für Frauenrechte einsetzen: «Auch wenn sich viel in puncto Gleichberechtigung getan hat, sind unsere Privilegien alles andere als selbstverständlich.» Ein Blick über die Grenzen beweise: Weltweit würden Frauen ausgebeutet, missbraucht und unterdrückt. Für Franziska Ryser, Präsidentin Junge Grüne St. Gallen und Stadtparlamentarierin, ist der Tag ein Signal gegen Stagnation: «Wir dürfen nicht glauben: <Frauenkampf, das gab es einmal, aber jetzt ist alles gut.>» Denn das klassische Familienbild – er arbeitet, sie steht am Herd – habe sich aufgeweicht. Alternative Formen des Zusammenlebens werden wenig akzeptiert: Frauen, die als Alleinverdienerinnen ihre Familie finanzierten, familienübergreifende Wohnformen, aber auch gleichgeschlechtliche Partnerschaften. – daran müsse gearbeitet werden. «Dass in der Schweiz viel passiert, zeigt sich, dass das Volk die Rückkehr zum konservativen Weltbild der CVP abgelehnt hat.»

Ein Hausmann ist kein Weichei

Für Claudia Martin ist es wichtig, dass solche Debatten nicht in Schwarz-Weiss-Kategorien geführt werden: «Wer gegen eine Frauenquote ist, ist nicht automatisch gegen Gleichberechtigung. Wer lieber zu Hause bleibt und keine Führungsposition will, ist kein Heimchen am Herd. Wer als Frau nach oben will, ist nicht zwingend eine eiskalte Karrieristin.» Und Männer, die ihre Kinder versorgen würden und deren Frau mehr verdiene, seien keine Weicheier. Die Gleichstellung von Mann und Frau verlange einiges von Männern ab, aber auch von Frauen. Eine Frauenquote lehnt die SVP-Politikerin aber klar ab: «Einen Aufstieg erarbeitet man sich durch Leistung. Mit einer Quote würde nicht mehr das Individuum gewürdigt. Das widerspricht meinem liberalen Gesellschaftsverständnis.» Simmler würde sich wünschen, in einer Welt zu leben, die keine Frauenquote erfordert. «Wir haben lange gewartet, dass sich das von selber regelt. Es hat sich nichts verändert. Deshalb braucht es Quoten als Zwischenlösung, vor allem bei Führungspositionen.» Auch Ryser sieht in der Frauenquote nicht mehr als eine Übergangslösung. «In entscheidungstragenden Gremien macht sie Sinn. Sie wird das Bild prägen, das wir von einem Verwaltungsrat, einer Regierung oder einem Parlament haben.» So würden sich die Frauen der nächsten Generation gar nicht mehr vorstellen können, dass Frauen in diesen Positionen einst stark untervertreten waren. Von einer «Men's World» würde sie aber nicht sprechen: «Wir leben in einer <Changing World>.» Zwar bildeten in vielen Schlüsselpositionen Frauen die Ausnahme, um das zu ändern, brauche es halt gutausgebildete und motivierte Frauen, die diese Aufgaben übernehmen wollen. «Daran sollten wir arbeiten: Junge Frauen sollen wissen, dass ihnen alle Türen offen stehen und sie die gleichen Voraussetzungen und Fähigkeiten wie ihre Kollegen haben.» Für Simmler ist klar, dass wir noch immer in einer Männerwelt leben. «Solange die Machtverhältnisse nicht ausgewogen sind, werden Männer die Welt mehr gestalten als Frauen.»

Weibliche Vorbilder fehlen

Ganz anders sieht dies Martin: «In der Schweiz ist es selbstverständlich, dass Frauen auf allen Ebenen mitbestimmen können, weil das Geschlecht in bezug auf die Arbeit keine Rolle mehr spielt. Wichtig ist aber, dass sich Frauen bemerkbar und ihren Anspruch geltend machen.» Dass es in der Politik zu wenig ihresgleichen gibt, darin sind sich die drei Politikerinnen wieder einig. «Eine adäquate Vertretung der Frauen ist nicht nur wichtig für die Gestaltung der Politik, sondern auch für die Gleichberechtigung allgemein, da das grosse Symbolwirkung hat», sagt Simmler. Denn wenn jungen Frauen immer nur Männer in Führungspositionen vorgesetzt würden, fehlten ihnen Identifikations- und Vorbildsfunktionen.


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