Die doppelte Modefrau

Anna Wüthrich und Juliette Stillhart sind nicht nur eineiige Zwillinge, sie haben auch länger als ihr halbes Leben zusammen gearbeitet. Nun haben die Stadtoriginale ihren Traum verwirklicht. Und einer Lampe zur Heimkehr verholfen.
23. April 2016, 08:49
MALOLO KESSLER

Verwirrung, Verblüffung, Verwunderung. Anna Wüthrich und Juliette Stillhart kennen all die Blicke, auch wenn sie momentan nicht ganz so identisch aussehen wie auch schon: Die 51-Jährigen sind eineiige Zwillinge. Seit bald 30 Jahren arbeiten sie in verschiedenen Modegeschäften in St. Gallen. Stets zusammen.

Mit Kunden in die Ferien

Aufgewachsen sind die Töchter einer Italienerin und eines Schweizers mit einer älteren Schwester in Flawil. Nach dem gestalterischen Vorkurs trennten sich ihre beruflichen Wege, aber nur vorübergehend. Anna Wüthrich liess sich zur Verkäuferin ausbilden, obwohl sie eigentlich gerne Modedesignerin geworden wäre. «Ich hatte ein Angebot, bei Akris Schneiderin zu lernen, wollte das dann aber nicht», sagt sie. Juliette Stillhart wiederum lernte Coiffeuse, obwohl sie sich schon damals für den Verkauf interessiert habe. Und so begann sie bald nach ihrer Ausbildung in der St. Galler «Blue Dog»-Filiale zu arbeiten, die mittlerweile von ihrer Schwester geleitet wurde. «Und von da an waren wir ein Team.» Unter anderem führten sie später jahrelang die «Feldpausch»-Filiale, heute «PKZ», arbeiteten bei «Companys». Sie haben die halbe Stadt kennengelernt, die halbe Stadt kennt sie. «In diesen Jahren sind viele Freundschaften entstanden. Es gibt sogar ursprüngliche Kunden, mit denen wir heute Ferien machen», sagt Anna Wüthrich. Zusammen arbeiten, im selben Mietshaus wohnen – anstrengend sei das für sie nie geworden. «Wir ticken wirklich einfach gleich.» Mindestens meistens: «Juliette ist bodenständiger als ich. Ich bin eher die Visionäre, bin meistens schon drei Ideen weiter.»

Mehr Druck und Kontrolle

Die Idee, die Stadt einmal zu verlassen, hatte Anna Wüthrich aber nie. «Wir gehören einfach hierher.» In St. Gallen haben sie sich nun auch selbständig gemacht. «Bei grösseren Modehäusern wurde der Druck immer stärker, die Kontrolle immer mehr», sagt Anna Wüthrich. «Wir fühlten uns nur noch als Nummern, die funktionieren müssen.» So haben sie einen Traum verwirklicht, den sie schon immer gehabt hätten. Den vom eigenen Laden. An der Poststrasse haben sie Anfang Monat die Boutique «'s Blue» eröffnet. Sie verkaufen selbst ausgewählte Kollektionen, auch Fairtrade-Mode, und Schmuck. Es gibt eine Sitzecke, über der ein Bild des Boutique-Namensgebers hängt, Anna Wüthrichs ehemaliger Kater Blue. «Mit der Lounge wollten wir einen Ort für den Austausch und zum Sein schaffen.»

Zwilling trifft Zwilling

Die Möbel haben die Zwillinge in Indien ausgesucht und verschiffen lassen. «Es war viel Arbeit», sagt Anna Wüthrich. Ihr Lebenspartner, der Innenarchitekt und Lichtgestalter ist, plante den Umbau und ist für die Gestaltung der Boutique verantwortlich. Er ist ebenfalls ein eineiiger Zwilling. Das wusste Anna Wüthrich aber nicht, als sie sich kennenlernten. Als sie es erfahren habe, habe es sie «fascht hine use ghaue».

Optimismus trotz Lädelisterben

Trotz des Lädelisterbens in der St. Galler Altstadt sind die Zwillinge optimistisch. «Wir glauben ganz fest an die Boutique.» St. Gallen habe Potenzial, vor allem in bezug auf kleinere, spezielle Kleidergeschäfte. Und die beiden sprechen von einem «befreienden Gefühl», jetzt alles selbst bestimmen zu können. Vom gesamten Einkauf über die Öffnungszeiten bis zur Farbe der hinterletzten Lampe. So hängt neben dem Porträt von Kater Blue eine antike Pendellampe, nur eine von vielen Antiquitäten im Laden. Die beiden haben sie in Zürich gefunden. «Der Sammler, von dem wir sie haben, hat uns gesagt, dass sie ab 1913 in der damals neuen St. Galler Hauptpost im Einsatz gewesen ist.» Und so brachten die Schwestern die Leuchte wieder zurück in die Heimat. Zwar nicht in die Post – aber immerhin an die Poststrasse.


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