Die Sucht ist unsichtbar, aber da

ST.GALLEN ⋅ Diese Woche haben der Leiter der Gassenküche und ein ehemaliger Obdachloser einen Stadtrundgang der besonderen Art geleitet. Er führte zu Anlaufstellen für Drogenabhängige in St.Gallen und in ein dunkles Kapitel der Stadtgeschichte.
22. April 2016, 07:00
KATHARINA BRENNER

ST.GALLEN. Mendi ist seit 30 Jahren heroinabhängig. Seit sechs Jahren spritzt er sich morgens um 7 Uhr und abends um 17.30 Uhr, sauber und legal, in der Heroinabgabe der Stiftung Suchthilfe in St. Gallen. Am Mittwochnachmittag steht Mendi vor der Lokremise, um ihn stehen die zwölf Teilnehmer des Stadtrundgangs. Gleich führt er sie durch sein St. Gallen. Mit dabei ist der Leiter der Gassenküche Dirk Rohweder. Lanciert haben den Rundgang Mitarbeiter der Universität St. Gallen über die Dienstleistungsplattform Amiona.

Unweit des Treffpunkts an der Lokremise macht die Gruppe zum erstenmal halt: vor Mendis Haus. Er lebt gegenüber dem Bahnhof in der Wohngemeinschaft Arche. «Kann man sich das wie eine Art betreutes Wohnen vorstellen?», fragt einer. «Ja», sagt Rohweder von der Gassenküche. «Ein Sozialarbeiter betreut die sechs Menschen mit Suchtproblemen, die hier leben.» Es sei immer jemand da, ausser nachts. Mendi sagt, er könne kommen und gehen, wann er wolle. So lange er sich an die Regeln halte: Im Haus herrscht absolutes Drogenverbot. «Wer das nicht einhält, muss gehen. Und das ist gut so.»

Nur für langjährige Abhängige

Strenge Regeln gelten auch für die Heroinabgabe. Die Teilnehmer an den Substitutionsprogrammen der Stiftung Suchthilfe müssen Therapien und Entzüge nachweisen und bereits seit langem abhängig sein. Dadurch werde verhindert, dass Menschen durch das Programm in eine Abhängigkeit gelangen, sagt Rohweder. Die Heroinabgabe sei auf 75 Personen ausgelegt, fast alle Plätze seien belegt.

Zusätzlich bietet die Stiftung ein Methadonprogramm an. Methadon ist ein Ersatzmittel für Heroin, das nicht gespritzt, sondern geschluckt wird. Der Vorläufer der Stiftung Suchthilfe war die Stiftung Hilfe für Drogenabhängige, die 1990 gegründet wurde – zu einer Zeit, in der es in St. Gallen noch eine offene Drogenszene gab.

Die Gruppe steht inzwischen im Park gegenüber der Offenen Kirche. Anfang der 1990er-Jahre war dort beim Bienenhüsli die offene Drogenszene. Rohweder hält eine vergrösserte Aufnahme in Schwarz-Weiss hoch. Sie zeigt einen Menschen, der auf einem Stuhl mehr hängt als sitzt, regungslos, ein Fixer. Um ihn herum liegt Müll. «Es war schlimm», sagt Mendi. Freunde von ihm sind gestorben.

Auch die Teilnehmer des Rundgangs erinnern sich an diese Zeit. Weil die Abhängigen jetzt nicht mehr sichtbar sind, sagt eine Frau, könnte man meinen, es gebe sie nicht mehr. «Führt das am Ende dazu, dass Politiker das Thema vernachlässigen?» Rohweder sagt, für die Stiftung Suchthilfe sei es deshalb wichtig, das Thema öffentlich zu machen. Auch weil die St. Galler Suchthilfe in der Zusammenarbeit mit Politik, Sozialarbeit und Polizei beispielhaft sei.

Stühle im Kantipark

Zwei weitere Stationen des Rundgangs sind der Katharinentreff in der Goliathgasse und der Kantipark. Im Kantipark ist ein öffentlicher Treffpunkt für Menschen mit Suchtproblemen entstanden. Die Stiftung Suchthilfe hat hier Stühle aufgestellt. Sie stünde im Austausch mit der Stadt und der angrenzenden Kantonsschule, sagt Rohweder. Bisher gebe es keine Probleme.

Der Stadtrundgang endet in der Gassenküche im Linsebühl. Für drei Franken gibt es hier jeden Tag ein Menu – zubereitet von Menschen mit Suchtproblemen. «Im Gegensatz zu einem gängigen Vorurteil können sie durchaus Verantwortung übernehmen», sagt Rohweder. Die Gassenküche sei offen für alle, 95 Prozent der Gäste seien Drogenabhängige. Finanziert werde die Gassenküche rein aus Spendengeldern. Pro Jahr kämen rund 350 000 Franken zusammen.

Rohweder schaut auf die Uhr. Es ist kurz vor halb sechs. Zeit für Mendi, sich zu verabschieden. Er bedankt sich bei den Teilnehmern der Führung und schüttelt jedem einzeln die Hand. Dann muss er los. Um 17.30 Uhr öffnet die Heroinabgabe.


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