Die Schwedin vom Nordklang

Mia Baumann kam der Liebe wegen aus Schweden in die Schweiz. Seit fünf Jahren arbeitet sie einmal im Jahr freiwillig als Bandbegleiterin am Nordklang-Festival. Mit diesem Einsatz lindert sie dieses Wochenende ihr Heimweh ein wenig.
05. Februar 2015, 02:36
KATHRIN REIMANN

Wenn die Nordklang-Bands bei ihrer Ankunft von Mia Baumann abgeholt werden, sind sie meist erstaunt, dass da nicht eine waschechte Schweizerin vor ihnen steht. Die Schwedin zog nämlich im Jahr 1999 wegen eines Schweizers nach Luzern. Dort lernte sie später, in der WG, ihren jetzigen Ehemann kennen. Diesem folgte die Designerin – nach einem Arbeitseinsatz in Taiwan – nach St. Gallen.

Ein wortkarger Melancholiker

Vor sechs Jahren besuchte sie erstmals das Nordklang-Festival und meldete sich danach gleich als Helferin an, so sehr begeisterte sie der Anlass. Seit fünf Jahren begleitet sie nun jeweils eine Band und ist so Tourmanagerin für einen Tag. «Nur ein Jahr musste ich aussetzen: als ich hochschwanger war», sagt die 40jährige Küchendesignerin. Eine Band aus ihrem Heimatland konnte sie bisher noch nie betreuen. «Meist waren es Dänen oder Isländer.» Aber auch mit diesen habe die Zusammenarbeit gut funktioniert. «Es ist jedesmal anders, jede Band hat andere Interessen», sagt Mia Baumann. So habe sie einen melancholischen Isländer betreut, der so wortkarg war, dass es zu nicht mehr als dem Namensaustausch kam. «Letztes Jahr betreute ich eine junge Punkband. Kurz vor ihrem Auftritt musste ich den Sänger suchen, der mit seiner Freundin verschwunden war.»

Nur graue Strümpfe im Shop

Der Ablauf der Bandbetreuung ist meist ähnlich. «Zuerst hole ich die Bands ab.» Ein wichtiger Knotenpunkt ist das Restaurant Drahtseilbahn, wo gegessen wird und man sich trifft. Auch die Proben, der Soundcheck und das Einchecken ins Hotel sind Termine, die ein Bandbetreuer mit seinen Musikern einhalten muss. Freiwillig ist hingegen die vom Nordklang organisierte Stadtführung. «Die Stadt kann man den Musikern aber auch gut individuell zeigen.» Die älteren Musiker wollten in St. Gallen meistens Schoggi oder Käse kaufen. «Jüngere haben andere Anliegen. Für eine Musikerin musste ich am Samstagabend schwarze Strumpfhosen auftreiben», erzählt Mia Baumann. Da der 24-Stunden-Shop lediglich graue im Sortiment hatte, stand die Musikerin dann mit Strumpfhosen aus Mia Baumanns Kleiderschrank auf der Bühne. Ausserdem bringt sie die Musiker zu ihren Interviewterminen und ist als Übersetzerin gefragt. «Manchmal muss ich auch trösten, etwa wenn wenig Publikum da ist oder Gäste das Konzert sogar verlassen.»

Als Bandbegleiterin hat Mia Baumann auch ein ganz eigenes Ritual, das sie mit ihren Schützlingen praktiziert. «Ich trinke mit ihnen – falls sie wollen – vor oder nach ihrer Show einen Appenzeller.» Ihr sei es wichtig, dass die Musiker etwas von der Schweizer Kultur mitbekommen und St. Gallen kennenlernen. «Es kommt aber auch vor, dass die Musiker es vorziehen, im Backstage zu bleiben, um dort Bier zu trinken.»

Keine Stars mit Allüren

Probleme mit den Bands hatte sie bisher nie, Starallüren gebe es am Nordklang-Festival nicht. «Es sind immer gute Leute, und die Stimmung am Nordklang ist familiär.» Ausserdem sei es spannend, Bands und Bühnen zu entdecken. «Das Beste ist, dass alles schnell und zu Fuss erreichbar ist.» Und die Musiker freuten sich stets, Teil des Festivals zu sein, und gäben sich mit einem Gratisbier völlig zufrieden. Nach den Konzerten sei die Stimmung ausgelassen. Dann treffen die Helfer und Musiker sich im «Drahtseilbähnli» um gemeinsam zu jammen, zu reden, zu trinken und das Nordklang-Festival ausklingen zu lassen.


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