Die Orgel, die aus Amerika kommt

ST.GALLEN. Sie ist über 90 Jahre alt und reiste per Frachtschiff an: Die Wurlitzer-Orgel Opus 647. Einst stand sie im Kino einer kleinen Stadt in Indiana. In diesen Tagen wird sie im evangelischen Kirchgemeindehaus in St.Georgen eingebaut.
17. September 2014, 07:57
CHRISTINA WEDER

Der Nervenkitzel hatte vor einer Woche ein Ende, als die originale Wurlitzer-Orgel aus Amerika im evangelischen Kirchgemeindehaus in St.Georgen eintraf. Zwei Wochen hatte die Überfahrt mit dem Frachtschiff gedauert. In Hamburg blieb der Übersee-Container im Zoll hängen. Auf einmal war unsicher, ob es die Orgel rechtzeitig nach St.Gallen schaffen würde. Dank Spezialtransport traf sie schliesslich nur einen Tag nach den amerikanischen Restauratoren ein, die extra anreisten, um sie einzubauen. «Es war ein Krimi», sagt der St.Galler Organist Bernhard Ruchti.

In drei Wochen aufgebaut

Nun dringt Hämmern und Bohren aus dem grossen Saal im Kirchgemeindehaus St.Georgen. Der amerikanische Restaurator Jeff Weiler und zwei Mitarbeiter sind daran, Tausende von Einzelteilen zusammenzusetzen. Drei Wochen haben sie Zeit. Der Spieltisch – 350 Kilogramm schwer – steht bereits an seinem Platz, der Motor ist im Keller eingebaut. Auf dem Boden lagern Kartonschachteln mit dem Aufdruck «Fragile», in denen noch Pfeifen verpackt sind. «Die Wurlitzer-Orgel ist eine echte Rarität», sagt der Restaurator.

Heute sind weltweit nur noch zwölf originale Wurlitzer-Orgeln erhalten, die ursprünglich zur Begleitung von Stummfilmen entwickelt wurden. Jene in St.Georgen ist eine davon. Sie wurde 1923 für ein Kinotheater in der Kleinstadt La Porte im US-Staat Indiana gebaut. In den 1960er-Jahren wurde sie ausgebaut und eingelagert. Seither hat niemand mehr ihre Tasten gedrückt und die Pfeifen zum Klingen gebracht. Um sie wieder instand zu stellen, wurde sie in der Werkstatt von Jeff Weiler in Chicago während 20 Monaten restauriert und gereinigt.

Edler Klang und viele Geräusche

Die Wurlitzer-Idee nahm vor vier Jahren ihren Anfang. Damals weilte Organist Bernhard Ruchti für ein Sabbatical in San Francisco und stiess auf eine Kino-Orgel-Tradition, wie sie Europa nicht kennt. Er besuchte Kinos, in denen vor Filmbeginn kurze Live-Konzerte auf der Wurlitzer-Orgel gegeben wurden. Er war überrascht vom Klang, der edel und sinnlich sei: «Mit einer Jukebox hat das nichts zu tun.»

Wurlitzer-Orgeln können wie klassische Kirchenorgeln genutzt werden. Sie können aber auch wie ein Xylophon, eine Glasharfe oder ein Glockenspiel klingen. Und sie haben diverse Geräusche auf Lager, können Vogelgezwitscher und Meeresrauschen erzeugen. Bernhard Ruchti lernte in den USA einen Orgelbauer kennen, der ihn in die Geheimnisse, die Machart und Verwendung der Wurlitzer einführte. Er erfuhr, dass es einen Markt für die historischen Orgeln gibt und diese relativ günstig verkauft werden.

Fast gleichzeitig begannen im Kirchgemeindehaus in St.Georgen umfangreiche Renovationsarbeiten. Es stellte sich dabei die Frage nach der Zukunft der Orgel. Das bisherige Instrument stammte aus der Nachkriegszeit und war aus bescheidenem Pfeifenmaterial. Es wurde unterdessen nach Bonstetten bei Augsburg weiterverkauft.

Grossteil der Kosten gesponsert

Ruchtis Idee, eine Wurlitzer-Orgel anzuschaffen, stiess bei der Orgelkommission auf offene Ohren. In der Kirchenmusik mache man sich Gedanken über neue Möglichkeiten, sagt Ruchti: «Eine Friedhofskapellen-Orgel lockt niemanden mehr hinter dem Ofen hervor.» Es sei toll, ein Instrument gefunden zu haben, das es sonst kaum mehr gibt.

Die Kosten dafür belaufen sich auf 370 000 Franken, wovon ein relativ kleiner Teil – 17 000 Franken – für das Instrument anfiel. Am meisten schlugen die Restauration und die baulichen Anpassungen im Kirchgemeindesaal zu Buche. Die Kirchgemeinde St.Gallen C steuerte 88 000 Franken bei. Der Rest wurde von Privaten und Stiftungen gesponsert. Unterdessen ist ein Wurlitzer Verein St.Gallen gegründet worden. Eingeweiht wird die Orgel am 30. November, dem ersten Adventssonntag. Ein erstes Stummfilm-Festival soll am Wochenende vom 27. und 28. Februar 2015 stattfinden.


Leserkommentare

Anzeige: