Der Strahlung auf der Spur

Deformierte Bäume und Verkehrsunfälle: Bauökologe Hansueli Stettler erklärte an einer Veranstaltung des Naturschutzvereins St. Gallen und Umgebung die Folgen von Mobilfunk.
14. November 2015, 02:45
DAVID GADZE

Welke Blätter, Risse in der Rinde, deformierte Äste und Stämme, «Löcher» in Baumkronen – die Mobilfunkstrahlung richtet in der Natur deutlich sichtbare Schäden an. Das sagen diverse Studien, das sagt auch der St. Galler Bauökologe Hansueli Stettler. Er hat in den vergangnen Jahren an verschiedenen Orten in der Stadt St. Gallen Beweise gesammelt und diese mittels eigener Strahlungsmessungen dokumentiert. Am Donnerstagabend präsentierte Stettler im Katharinensaal die Ergebnisse seiner Forschung zum Thema «Flora und Fauna unter dem Einfluss gepulster Strahlung».

Vieles, was Stettler während seines rund einstündigen Vortrags erklärte und anhand von Bildern und Messdaten zeigte, klang plausibel. Einige der gezeigten Beispiele von strahlungsgeschädigten Bäumen wirkten jedoch eher wie die Jesuserscheinungen auf Waffeln oder Toastscheiben: Man sieht das, was man sehen will. Oder anders gesagt: Als Laie erkennt man einen ganz normalen Baum mit Asymmetrien, wie sie in der Natur nun mal vorkommen.

Verstrahlter Mammutbaum

Stettler nannte zahlreiche Beispiele aus der Stadt und der Umgebung, welche den Einfluss der «immer aggressiver werdenden» Mobilfunkstrahlung verdeutlichen sollen. Ein solches Beispiel sei der Mammutbaum an der Rosenbergstrasse gegenüber der Villa Wiesental. Die Rinde weise zur Strasse hin Risse auf. Die Baumkrone sei «löchrig» und habe einzelne «trockene Büschel». Der Grund dafür sei eine Antenne auf dem Geschäftshaus «St. Leopard». Seine Messungen hätten ergeben, dass die Strahlenbelastung im oberen Teil des Baumes, der nicht von der Villa Wiesental geschützt ist, am höchsten sei, sagte Stettler. Auch an anderen Bäumen in der Stadt seien ähnliche Schäden zu sehen: an einer Kastanie beim «Hirschen» in St. Fiden, an den verdorrten Kronen der Bäume beim «Guggeien Höchst» oder an einer Tanne gegenüber dem Neubau des Naturmuseums.

Die Strahlung wirke sich nicht nur auf Pflanzen und Tiere, sondern auch auf Menschen aus, sagte Stettler. So vertritt er die Auffassung, sogenannte «Peaks», also extreme Ausschläge in der Strahlung beziehungsweise sehr starke Strahlungsfelder an ganz bestimmten Orten, seien verantwortlich für diverse Verkehrsunfälle vor allem älterer Personen. Ein Unfall im Schorentunnel vor ziemlich genau einem Jahr sei auf einen solchen Peak zurückzuführen, der etwa doppelt so hoch sei wie die Strahlungsbelastung im restlichen Tunnel. Er sei «gut unterwegs», das zu beweisen.

Grenzwerte tief angesetzt

«Aus wissenschaftlicher Sicht sind solche Verdachte nicht belegt», sagt Barbora Neversil, Informationsbeauftragte beim Bundesamt für Umwelt, zu Stettlers Theorien. Theo Klingler, Stellvertretender Leiter des kantonalen Amtes für Umwelt und Energie (AFU), erklärt, dass die sogenannte nichtionisierende Strahlung einen Einfluss auf Menschen haben könne. «Aber deswegen gibt es Grenzwerte. Diese sind so angesetzt, dass keine Schädigung der Gesundheit zu erwarten ist.»

Die Grenzwerte würden an sogenannten «Orten mit empfindlicher Nutzung», also beispielsweise in Wohnungen gemessen, sagt Marianne Feller vom Rechtsdienst des AFU. Sie seien in der Schweiz zehnmal tiefer als die Immissionsgrenzwerte der Weltgesundheitsorganisation WHO, die an jedem Ort gelten, wo sich Menschen aufhalten können. Und für jede Mobilfunkantenne gebe es ein Datenblatt, welches ausweise, wie hoch die Strahlung bei den nächstgelegenen Punkten mit empfindlicher Nutzung sei.


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