Der Niedergang der St.Galler Musikläden

Michael Jacksons Vinylplatten gab es früher überall zu kaufen - heute wird Musik zunehmend im Internet heruntergeladen. (Archiv/Keystone)
ST.GALLEN. Früher gab es an fast allen Ecken und Enden der Stadt Platten- und CD-Läden. Viele von ihnen sind verschwunden. Als Grund wird gemeinhin der dramatische Einbruch an CD-Verkäufen angenommen. Doch das ist nur die halbe Wahrheit.
09. März 2011, 07:12
Daniel Walt
Platten- und CD-Sammler hatten es früher gut in der Stadt. Nachdem sie sich einen alten Scherben von Deep Purple im Bro Records besorgt hatten, konnten sie auswählen, ob sie den taufrischen Hit der Dire Straits in der Epa, im Musik Hug, im Vilan oder im ABM kaufen wollten. Daraufhin ging es in den Jecklin, wo sie sich durch ein Riesensortiment an CD’s hören konnten. Die neuesten Geheimtipps aus Frankreich gab es dann bei Renés CD-Treff im Klosterviertel, bevor der Rundgang im Globus und im Migros ein Ende fand.
 
Die Fälle Globus und Epa/Coop City
Weder den Jecklin noch Renés CD-Treff im Klosterviertel gibt es mehr. Und auch die Plattenabteilung im Globus verschwand bereits vor vielen Jahren. Mediensprecher Jürg Welti: «CD’s waren bei uns nie ein Kern-, sondern ein ergänzender Bereich.» In diesem Zusammenhang habe sich das Unternehmen bereits zu Zeiten, als CDs noch boomten, entschlossen, sich von diesem Bereich zu trennen. Genauso übrigens wie von den Sportartikeln. «Das, was wir machen, machen wir dafür richtig», sagt Welti. Aus ähnlichen Gründen verbannte die Epa, aus der später Coop City werden sollte, Musik aus dem Sortiment. Aufgrund der beschränkten Platzverhältnisse sowie der starken Mitbewerber auf dem Platz St.Gallen löste die Epa im Jahr 2000 ihre bereits damals kleine Musikabteilung auf.
 
«Massive Schäden»
Im Sommer 2002, nach 30 Jahren Präsenz in der Stadt, schloss ein Geschäft seine Türen, das sich einzig auf Musik konzentriert hatte: der Jecklin. Als Hauptgrund wurden die grosse Konkurrenzsituation sowie Probleme mit der Beschilderung am neuen Standort angegeben. Bereits war aber die Rede von massiven Schäden, welche die MP3-Technik und Schwarzkopien im Musikhandel anrichten würden. Eine Tendenz, die sich in den folgenden Jahren weltweit bestätigen sollte: Verkauften die Mitglieder des Interessenverbandes der schweizerischen Tonträgerproduzenten (IFPI) im Jahr 2000 noch 19,6 Millionen CD’s, sank dieser Wert bis ins Jahr 2009 auf 9,1 Millionen. Dafür verantwortlich ist die Tatsache, dass Musik je länger, desto mehr online konsumiert wird und immer mehr Menschen deshalb auf den Kauf physischer Tonträger verzichten.
 
Probleme akzentuierten sich
Elektronische Tauschbörsen und das Aufkommen des Online-Versandhandels waren dafür verantwortlich, dass sich die Probleme der CD-Läden im Lauf der vergangenen Jahre weiter akzentuierten. Der Entwicklung zollte auch City Disc Tribut: Dessen Filiale an der Neugasse gibt es seit der Übernahme durch Orange nicht mehr. Die neuen Besitzer setzten auf ein Konzept, welches vor dem Hintergrund der schwindenden CD-Verkäufe die Verschmelzung von Telekom- und Multimediaangeboten vorsah. Sie beschlossen aber, den bisherigen Standort nicht mehr dafür zu nutzen.

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