Der Kauz, der das Kloster klont

In gut drei Wochen startet im deutschen Messkirch der Nachbau des St. Galler Klosterplans. Hinter dem «Campus Galli» steckt Bert M. Geurten. Der 63-Jährige über sein 40-Jahre-Projekt, Nordic Walking, Frauen und den lieben Gott.
29. Mai 2013, 01:36
MALOLO KESSLER

Ein komischer Kauz. Ein Spinner, getrieben von Grössenwahn. Ein Sonderling, der nach Aufmerksamkeit lechzt. So oder ähnlich haben sie ihn genannt, als sie zum erstenmal von seiner Idee gehört haben. «Vielleicht bin ich ja ein komischer Kauz. Doch was die Leute sagen, hat mich eigentlich noch nie interessiert», sagt Bert M. Geurten. So hat der Deutsche für seine Idee gekämpft. Unbeirrbar, unentwegt. Und erfolgreich. Seine Idee, das Projekt «Campus Galli», steht nun kurz vor dem Start: Im oberschwäbischen Städtchen Messkirch wird ab dem 22. Juni der St. Galler Klosterplan nachgebaut. In echt, ganz ohne Maschinen, wie im Mittelalter. Und während 40 Jahren. Ein bisschen nervös sei er jetzt, so kurz vor dem Baubeginn schon, sagt Geurten. Der 63-Jährige sitzt in einem Café in der Nähe des Klosterplatzes. Mit zerzaustem Schnauz, vor der zweiten Tasse Kaffee. «Aber es ist wie bei einem Theaterstück. Man schreibt und schreibt – irgendwann muss halt die Premiere kommen.»

«Dat mach ich auch»

Geurten hat vom gut 1200 Jahre alten St. Galler Klosterplan zum erstenmal als Jugendlicher erfahren. Es war in einer Ausstellung über Karl den Grossen in seiner Heimatstadt Aachen. «Da stand ein Modell des Plans, das hat mich beeindruckt. Und nie mehr richtig losgelassen. Auf dem Plan ist alles, was eine Stadt so braucht: Vom Hühnerstall bis zur Kirche.» Vor drei Jahren sass er dann alleine zu Hause in Aachen und sah im Fernsehen eine Sendung über eine Baustelle im französischen Guédelon. Seit 1997 wird dort mit mittelalterlichen Methoden eine Burg erstellt, Zehntausende von Touristen lockt das auf ein Vierteljahrhundert angelegte Projekt jährlich an. «Als ich das sah, habe ich zu mir selbst gesagt: Dat mach ich auch. Einfach mit dem Klosterplan.» Wie schwierig es werden würde, habe er damals nicht geahnt. «Aber so sind wir Rheinländer nun einmal: Von nix ne Ahnung, aber allzeit bereit.» Geurten lacht. Ein polterndes Lachen, die Schnauzhaare erzittern.

Nachdem er den Entschluss gefasst hatte, machte er sich auf der Suche nach Gleichgesinnten, gründete einen Verein, suchte nach Bauland und wurde vorstellig bei Politikern in verschiedenen deutschen Gemeinden. Er musste eine Abfuhr nach der anderen einstecken. Bis er ins verschlafene Messkirch kam. Ein Städtchen, das schon bessere Zeiten gesehen hat. Mit einer Regierung aber, die rasch von Geurtens Idee angetan war. Und mit etwas mehr als 8000 Einwohnern, die jetzt auf wirtschaftlichen Aufschwung hoffen. «Es ist schon ein gewisser Druck da, dass das Projekt erfolgreich wird», sagt der Aachener. «Aber eigentlich macht mir die Erwartungshaltung keine Angst. Ich hätte Angst, wenn gar keine Erwartungen da wären.» Geurten spricht oft vom Träumen, zu dem das Projekt anregen soll. Von der Faszination der Langsamkeit. Von vergangenen Zeiten und von Wurzeln, die wichtig seien in einem Menschenleben. «Wir haben alle eine Geschichte, schliesslich sind wir nicht auf die Erde geschissen worden.»

Geurten selbst ist in einer Arbeiterfamilie aufgewachsen, er studierte Betriebswirtschaft, wurde dann Journalist und arbeitet heute für zwei Agenturen. 15 Jahre lang war er auch Radiomoderator. «Das war eine gute Zeit. Ich mochte es, live zu sprechen: Was gesagt ist, ist gesagt.» Und Geurten sagt meist ziemlich viel. In Höchstgeschwindigkeit, ohne je zu stocken. Er sagt von sich, er sei «ein richtiger Rheinländer»: Mit rauhem Charme, unverfrorener Offenheit. Und einer, der auf rheinische Art katholisch sei: «Bei uns sagt man: Der liebe Gott ist auch nur ein armer Mann.» Geurten hätte sich auch vorstellen können, Mönch zu werden. Das Zölibat habe ihn allerdings davon abgehalten. «Ich liebe die Frauen. Aber nur die intelligenten.» In seinem Leben gebe es im Moment aber keine. Zumindest nicht so richtig: «Wir arbeiten dran.»

Totenruhe in der Krypta

Tausende von Stunden hat Geurten nun schon in seinen Traum von der Klosterstadt gesteckt. Dass dieser in Trümmern enden könnte, daran mag er nicht denken. Wird das Projekt ein Erfolg, erlebt Geurten das Ende der Bauzeit höchstwahrscheinlich nicht mehr. «Aber das macht auch nichts.» Er wünsche sich nur, nach seinem Tod in der Krypta der nachgebauten Kathedrale zu ruhen.

Bis dahin müsse er aber schauen, dass ihn sein Projekt nicht «auffresse». Deshalb beschäftige er sich auch noch mit anderem. Mit Nordic Walking etwa. «Das mache ich jeden Tag eine halbe Stunde. Auch wenn sich alle über diese Sportart lustig machen», sagt er. Lächelt, zuckt dann mit den Schultern. Was die Leute sagen, hat ihn ja noch nie interessiert.


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