Büchern ein neues Leben schenken

BUCHDOKTOR ⋅ Ingo Falkner ist leidenschaftlicher Bücherflicker. Über 11'111 Exemplare hat er inzwischen repariert, täglich kommen weitere hinzu. Die Freude an seinem Hobby vergeht dem 87-Jährigen aber noch lange nicht.
31. März 2017, 19:39
David Gadze
Kein Fall ist für Ingo Falkner hoffnungslos, fast kein Schaden unreparierbar. Praktisch jedes kaputte Buch, das bei ihm landet, kommt wieder ins Regal statt in den Abfall. Und das sind viele: Kürzlich hat er das 11'111. Buch geflickt. Beim Besuch in seiner "Bücherklinik" liegen die nächsten "Patienten", wie er sie nennt, schon bereit. Bei den meisten haben sich die Seiten gelöst.Gekonnt trennt Falkner den Einband vom Buchblock, spannt diesen zwischen zwei Holzbrettchen, schabt von der Rückseite den alten Leim ab, sägt feine Ritzen ein und trägt mit einem Pinsel neuen Leim auf. Sobald dieser trocken ist, bringt er den Einband wieder an. So viel Aufwand müsse auch bei ein paar losen Seiten sein: "Klebstreifen sind das Schlimmste, was man einem Buch antun kann", sagt der 87-Jährige. Denn damit liessen sich die Seiten kaum schön einkleben, und mit der Zeit vergilbe das Klebeband.

"Ich will unabhängig sein"
Ingo Falkner ist der Buchdoktor der Bibliothek Hauptpost und der Stadtbibliothek Katharinen. Täglich fährt er mit dem Bus in die Stadt und holt abwechselnd in den beiden Bibliotheken kaputte Bücher und Comics ab. "Mein Ziel ist es, sie beim nächsten Besuch zwei Tage später zurückzubringen." Im Estrich seines Hauses hat Falkner, der in St.Georgen aufgewachsen ist und bis heute auf dem Grundstück wohnt, auf dem einst sein Elternhaus stand, eine kleine Werkstatt eingerichtet. Hier schenkt er Büchern ein zweites Leben – und zwar im wörtlichen Sinn. Für seine Arbeit wird er – bis auf ein Weihnachtsgeschenk "und die Freude der Angestellten" – nicht entschädigt. Auch das Material bezahlt er selbst. "Ich will unabhängig sein und selbst entscheiden können, wann ich aufhöre."

Seit über 18 Jahren flickt Ingo Falkner Bücher. "Ich war schon immer ein Büchernarr", erzählt der ehemalige Sekundarschullehrer. Während der Zeit an der Gewerbeschule an der Wassergasse half er mit, dort eine kleine Bibliothek aufzubauen. Doch erst 1999, kurz nach seiner Pensionierung, begann Falkner, Bücher zu reparieren. Am Flohmarkt stöberte er am Stand der 1996 eröffneten Quartierbibliothek St.Georgen in den aussortierten, weil abgenutzten Büchern. Spontan bot er den Mitarbeitern an, neue Bücher einzufassen. Später half er auch in der Ausleihe aus. "Bei kaputten Büchern stellte sich jedes Mal die Frage, ob wir sie wegwerfen oder versuchen sollen, sie zu flicken. Also habe ich angefangen zu pröbeln." Nicht aus Langweile, sondern auch Neugier, wie Falkner betont. "Ausser ein bisschen Zeit hatte ich schliesslich nichts zu verlieren." Durch eine Mitarbeiterin entstand der Kontakt zur damaligen Freihandbibliothek, die seine Hilfe dankend annahm. Er flickte auch für das Buchmobil, das früher jeweils abwechselnd eine Woche lang in den Quartieren stand, und für verschiedene Quartierbibliotheken. Private Reparaturaufträge nimmt Falkner jedoch nicht entgegen. "Nicht, weil ich ausgelastet wäre, sondern weil ich die Buchbinder nicht konkurrenzieren will."

Alle Reparaturen in Kategorien erfasst
Säuberlich hat er alle Reparaturen seit 1999 dokumentiert. Alles ist in Tabellen und verschiedenen Kategorien aufgelistet: Grosse und kleine Reparaturen, Bibliotheken, die Art der Schäden. "Mich hat einfach wunder genommen, wie viele es sind." Am Ende jedes Jahres fasst er seine Arbeit in einem handgeschriebenen Büchlein zusammen, den "Gedanken eines Buchflickers".

"Dauerpatienten" in seiner Werkstatt seien das Guinness-Buch der Rekorde, die Bände der Harry-Potter-Reihe oder Kinderbücher mit ausklappbaren Fenstern, erzählt Ingo Falkner. "Bücher werden nicht für die Ausleihe gemacht", lautet sein Resümee. Ab wann lohnt sich denn eine Reparatur nicht mehr? Diese Frage stelle er sich eigentlich kaum je. "Bücher flicken ist mein Hobby. Und es strukturiert mein Altersleben." Die Arbeit findet er auch nach über 11111 Büchern nicht langweilig – bis auf das Nähen von Comics, "die einzige Arbeit, bei der mir meine Frau hilft". Die Freude vergeht dem Buchdoktor jedenfalls noch lange nicht – im Gegenteil. "Solange es meine Gesundheit zulässt, will ich weitermachen."

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