843 Briefe pro Tag rentieren nicht

MÖRSCHWIL ⋅ Dass die Post Mitte März schliesst, wissen die Mörschwiler seit längerem. Jetzt taten die Postverantwortlichen das, was sie in der Regel früher tun: Sie informierten persönlich. Und relativierten Zahlen.

16. Februar 2017, 16:23
Corinne Allenspach
Fast schien es, als hätten sie sich für einen Sturm der Entrüstung gewappnet. Gleich ein halbes Dutzend Postverantwortliche aus der Chefetage waren am Mittwoch im Adlersaal zugegen. Mit ihrem Infoabend tat die Post das, was sie in der Regel frühzeitig macht, wie René Wildhaber, Leiter Verkaufsgebiet St.Gallen-Appenzell, sagte: Die Betroffenen persönlich informieren. "Das haben wir in Mörschwil verpasst und holen es jetzt nach", räumte er vor rund 120 Anwesenden ein, die meisten altersmässig über 50.  

Dass Mörschwil dereinst seine Post verlieren könnte – wie es in den meisten Gemeinden der Region bereits geschehen ist – das habe er insgeheim schon lange befürchtet, sagte Gemeindepräsident Paul Bühler. Als die Schweizerische Post im Dezember 2015 tatsächlich auf den Gemeinderat zukam und "Gesprächsbedarf" signalisierte, sei dem Rat vor allem eins wichtig gewesen: "Ziel war es, für Mörschwil eine möglichst gute Lösung zu finden." Eine Lösung, bei der auch weiterhin ein Grossteil der bisherigen Postleistungen im Dorf erledigt werden kann. Ein Hausservice beispielsweise wäre nicht in Frage gekommen.

Bühler ist überzeugt, dass mit der Postagentur im Volg, die Mitte März eröffnen wird, eine solch gute Lösung gefunden ist. "Geben Sie der Agentur eine Chance", plädierte Bühler, "auch wenn nicht vom ersten Tag an alles so läuft, wie es heute Abend schöngeredet wurde."

Einzahlen mit Postbüchlein ist weiterhin möglich
Die Postverantwortlichen versuchten indes, Verständnis für die Postschliessungen zu wecken, die ihren Grund in der fortschreitenden Digitalisierung und dem gesellschaftlichen Strukturwandel haben. "Die Post macht nicht einfach, was sie will", betonte Regionenleiter René Wildhaber. Vielmehr habe man viele Vorschriften des Bundes, die es innerhalb des Service Public umzusetzen gelte. Ziel sei "eine nachhaltig starke Post". In einer Postagentur gebe es für die Kunden "ein weitgehend vollständiges Angebot". So können weiterhin Briefe und Pakete aufgegeben und abgeholt werden und bis zu 500 Franken mit der Postfinance-Karte abgehoben werden. Einzahlungen, auch mit dem gelben Postbüchlein, sind künftig nur noch bargeldlos möglich.

Allgemein lasse sich sagen, dass seit dem Jahr 2000 die Zahl der Briefe um 65 Prozent zurückgegangen sei, die Pakete um 46 Prozent und die Einzahlungen um 40 Prozent. Für Mörschwil lieferten die Postverantwortlichen konkrete Zahlen. So werden pro Tag durchschnittlich 843 Briefe und 68 Pakete aufgegeben und 106 Einzahlungen getätigt. Für Aussenstehende scheint dies eine stattliche Anzahl zu sein – in einem Dorf mit 3600 Einwohnern. Auf eine Frage, wie hoch denn die Zahlen sein müssten, damit die Poststelle rentieren würde, antwortete Wildhaber: "Es kann gar nicht eine solche Wohnungsentwicklung geben, dass es rentiert."  Stellung nahm er auch zur "Gefährdungskarte" der Gewerkschaft Syndicom, die kürzlich in den Medien publiziert wurde (Tagblatt vom 20. Januar). Demnach sollen die Poststellen im Kanton St.Gallen von heute 77 auf 19 reduziert werden. "Diese Zahl ist unseriös und sehr deutlich falsch", stellte Wildhaber klar. Solche Vergleiche nützten niemanden, im Gegenteil, sie schürten grosse Verunsicherung, auch bei den Mitarbeitenden.

Agentur ist grundsätzlich für Privatkunden
Fragen hatten die Mörschwiler zudem zu den Postfächern. Bisher gab es deren 92 im Dorf, neu werden es noch 36 sein. Der Grund sei auch hier, dass die Nutzung in den vergangenen Jahren  zurück gegangen sei, betonten die Postverantwortlichen. "In Mörschwil haben wir relativ viel Leerbestand." Kunden mit etwa 15 bis 20 adressierten Sendungen pro Woche bekämen aber auch künftig ein kostenloses Postfach.

Und wie sieht es in der Agentur mit Massensendungen aus? Grundsätzlich sei eine Agentur für Privatkunden. Aber man werde versuchen, "mit allen Geschäftskunden eine Lösung zu finden". Gleiches gelte für die jetzigen drei Mitarbeiter der Poststelle. Man habe derzeit "eine nahtlose Lösung in St.Gallen". Danach versuche man, Lösungen zu finden, "die auch weiter in die Zukunft reichen".

Den Einwand eines Pensionärs, die Dörfer verlören immer mehr Restaurants, Läden und Poststellen, und damit Gelegenheiten, sich zu begegnen,  konnte Wildhaber nachvollziehen. "Wenn man Traditionen verändert, ist das immer emotional." Wildhaber ist aber zuversichtlich, dass  sich die Mörschwiler in der Agentur im Volg auch weiterhin begegnen können. "Vielleicht noch mehr als bisher."

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