Was heisst «Ab» auf Deutsch?

UNTERSTÜTZUNG ⋅ Flüchtlinge, die in Untereggen und Eggersriet wohnen, besuchen einen vierwöchigen Integrations- und Sprachkurs. Das Projekt wird von freiwilligen Helferinnen und Helfern tatkräftig unterstützt.
30. August 2017, 06:53
Daniela Huber-Mühleis

Daniela Huber-Mühleis

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Zur Förderung der sprachlichen und gesellschaftlichen Integration führen die Gemeinden des Kantons St. Gallen das Projekt «Quartierschule» durch. So werden die sechs Flüchtlinge aus Untereggen von Einheimischen täglich nach Eggersriet und zurück gefahren, wo sie zusammen mit zehn weiteren Migranten aus der Gemeinde Eggersriet und der Marienburg an den 60 Stundenlektionen teilnehmen. Die Gruppenmitglieder stammen unter anderem aus Syrien, Pakistan, Kosovo und Sri Lanka.

«Um einen solchen Kurs anbieten zu können, braucht es eine vernünftige Klassengrösse. Es wäre unrealistisch gewesen, für diese kleine Gruppe in unserer Gemeinde so eine Organisation aufzubauen», sagt Untereggens Gemeindeschreiber Norbert Näf. Für die Hin- und Rückfahrt benutzen die Teilnehmer nicht das Postauto, sondern sie werden von Freiwilligen aus dem Dorf in die Nachbargemeinde gefahren. «Dabei entstehen wertvolle Gespräche mit den Einheimischen, und es entwickeln sich Bekanntschaften, welche bei der Integration behilflich sein können», sagt Näf. Aus Untereggen beteiligen sich 18 Helfer an diesem Einsatz.

Alltagssituationen meistern

Weil die Vereinigung der St. Galler Gemeindepräsidenten weniger Defizitbeiträge an den Kanton zahlen möchte, wurde das Projekt «Quartierschule» ins Leben gerufen. Als Unterrichtende wurden Freiwillige gesucht, die für einen Obolus diese Aufgabe übernehmen. Bei dieser Lernmethode zur Sprachförderung stehen Spiel, Spass und Musik im Vordergrund. Das Ziel ist, dass die Kursteilnehmer nach den verbesserten mündlichen Deutschkenntnissen banale Alltagssituationen alleine bewältigen können. So lernen sie, wie man die Zahlen auf Deutsch ausspricht, wie die Wochentage und Monate heissen oder wie man nach dem Weg fragt. Anhand von selbst angefertigten Zeichnungen eines Hauses üben sie, die einzelnen Bauteile wie Fenster oder Türen zu benennen. Dieser Kurs hat aber auch den Zweck, die Ausländer in der Dorfgemeinschaft zu integrieren und ihnen die kulturelle Vielfalt der Schweiz zu vermitteln. Zudem soll damit das Fundament für weiterführende Kurse und der Abbau von ethnischen und kulturellen Barrieren gelegt werden.

Die zertifizierte Kursleiterin, Stéphanie Hammerer, hat schon in anderen Quartierschulen Erfahrungen sammeln können. Zuvor hat sie den «LieLa» (Liechtenstein Languages)-Flüchtlingsdeutschkurs absolviert. «Die Leute sind sehr motiviert und man spürt, dass alle gerne Deutsch lernen wollen. In der ersten Woche verlieren sie die Hemmungen, da sie von Anfang an durch Rollenspiele einen lockeren Zugang zur Sprache bekommen.» Diverse Freiwillige übernehmen gemäss einem Einsatzplan Unterrichtsassistenz, hüten die kleinen Kinder der Teilnehmenden oder engagieren sich als Fahrer. «Uns geht es in der Schweiz so gut. Als Dank möchte ich dafür etwas zurückgeben», erklärt Gerda Rüttimann ihre Motivation. Und Simone Streule ergänzt, dass sie den Einbezug der Bevölkerung eine gute Idee findet und sie deshalb diesen Beitrag als Helfende leistet. Die Organisatoren sind überzeugt, dass auch die Freiwilligen von der Mitwirkung profitieren. Sie könnten an einem spannenden Projekt mitmachen und ihren Horizont erweitern.

«Ich bin seit einem Jahr und zehn Monaten hier», sagt ein 22-jähriger Pakistani. Sein Kollege, der aus Sri Lanka stammt, ist ein Jahr älter, seit zwei Jahren in der Schweiz und spricht schon sehr gut Deutsch. Sie zeigen sich sehr dankbar und beteuern, dass sie der Unterricht weiterbringt. Im Kurs tragen sie Schilder mit deutschsprachigen Namen nach der Methodik des Konzepts «LieLa». Gemäss Kursleiterin können sie so die Aussprache von schwierigen Lautkombinationen üben. Zudem erhalten damit alle als Persönlichkeitsschutz eine neue Kursidentität. Ihr richtiger Name, die Nationalität und Religionszugehörigkeit sind für die Schulung unerheblich.

Abschlussfest mit Einwohnern

Die erste Schulung dauert vier Wochen und endet mit einem Abschlussfest im Eggersrieter Gemeindesaal. Am Freitag, 15. September, ab 8.15 Uhr sind alle Einwohner von Eggersriet und Untereggen dazu eingeladen. Die Kursteilnehmer bringen Spezialitäten aus ihrem Herkunftsland mit, zeigen typische Darbietungen aus ihrer Heimat und präsentieren Gelerntes aus dem Unterricht. Eine Anmeldung bei der Gemeinde ist erforderlich.

Auflösung

Übrigens: «Ab» ist pakistanisch und heisst August.


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