Von Illusionen beim Verkehr

RORSCHACH ⋅ Nur die Barrieren umfahren? Oder an einer neuen Verkehrsachse die Region weiter- entwickeln? So weit liegen die Meinungen zu einem Autobahnanschluss auseinander am Podium der IG Stadt.
29. September 2017, 07:09
Fritz Bichsel

Fritz Bichsel

redaktionot

@tagblatt.ch

Für Verkehrsplanung fanden sich die drei Gemeinden. Die IG Stadt am See – die Goldach, Rorschach und Rorschacherberg politisch fusionieren wollte – will wissen: Was würden ein Autobahnanschluss und ergänzende Massnahmen bewirken für diese Stadt? Achtzig Besucher hören im HPV-Betriebsrestaurant: SP-Politiker Felix Gemperle (Rorschach) vom Verein «Kein 3. Autobahnanschluss» sieht bei einem solchen Anschluss nur Nachteile. FDP-Politiker Raphael Frei (Rorschacherberg) von der «IG mobil» hingegen wertet das Gesamtkonzept als grosse Chance und einen Autobahnanschluss als zwingend. So antworten sie auf Fragen von Stefan Schneider (Goldach), ehemaliger Präsident der IG Stadt. Es läuft wie bei Merkel – Schulz: Kein Duell, sondern ein nettes Gespräch mit Einigkeit in mehreren Punkten. Dass am Verkehrssystem Änderungen nötig seien, öffentlicher und langsamer Verkehr gefördert werden sollen, die Stadt am See Möglichkeiten für Weiterentwicklung brauche oder die Gemeinden in weiteren Bereichen zusammenarbeiten müssten.

Die Gemeindebehörden wollen Ortskerne vom Verkehr entlasten. «Das ist ohne Autobahnanschluss nicht möglich», sagt Kantonsingenieur Marcel John, der zu Beginn das Vorprojekt und den Masterplan erläuterte. Am Anfang standen ein direkter Zugang zur Autobahn zwischen Goldach und Rorschacherberg sowie ein Tunnel um den Kern von Rorschach. Den Tunnel stellte der Bund als Mitfinanzierer weit zurück. Das Projekt für einen A1-Anschluss wuchs hingegen: zu einem Konzept für alle Verkehrsarten samt Massnahmen in Quartieren und schliesslich auch für die Entwicklung der zusammengewachsenen Stadt. In der Bevölkerung wird aber hauptsächlich über Staus diskutiert. Hier setzt Felix Gemperle an. Ursache seien allein die immer länger geschlossenen Bahnübergänge. Unterführungen und ebenfalls begleitende Massnahmen wären eine Alternative zur Verbauung von Grünflächen mit Autobahnanschluss und Zubringer. Raphael Frei hält dagegen, so blieben die Ortskerne stark belastet, der Schwerverkehr im Siedlungsgebiet und die Stadtentwicklung behindert.

Eine grosse oder mehrere kleine Unterführungen?

Es sei besser, Durchgangsverkehr auf einen Tunnel unter der Bahnlinie zu konzentrieren und auf die Autobahn zu führen, als ihn mit mehreren Unterführungen auf das Siedlungsgebiet zu verteilen. «Macht euch keine Illusion über Entlastungen in den Orten», warnt Gemperle. Befürworter des Verkehrskonzepts bewerten als Illusion, was ihm vorschwebt «anstelle neuer Strassen, die noch mehr Verkehr bringen»: Motorisierten Strassenverkehr reduzieren durch mehr langsamen und öffentlichen Verkehr und bessere Raumplanung.

Besucher wenden ein: «Auch Unterführungen kosten Millionen, verursachen Narben und Abriss von Häusern und lösen mehr Verkehr aus.» In Sorge um gemeinsames Handeln im Interesse der Region fragt Stefan Schneider: «Werden nun im Kampf gegen den Anschluss die Gemeinden gegeneinander ausgespielt?» Felix Gemperle verspricht: «Nein; ich arbeite allein mit den Argumenten gegen einen Anschluss.» Einig sind sich die beiden Politiker bei begleitenden Massnahmen auf bestehenden Strassen: Es müsste sichergestellt sein, dass diese ausgeführt werden, wenn der Autobahnanschluss gebaut werde. Und für Raphael Frei wie für Besucher ist klar: Alle drei Gemeinden müssten den Gemeindeanteil am Zubringer mitfinanzieren.


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