Seit 31 Jahren auf der Kommandobrücke

AUSFLUG AUF DEM BODENSEE ⋅ Ein Ausflug auf dem Bodensee gehört zu den beliebtesten Aktivitäten im Sommer. Der Goldacher Reno Müller ist seit 31 Jahren Kapitän und gewährt einen Blick auf die Kommandobrücke. Nicht nur beim Lenken des Schiffs wird von ihm Feingefühl verlangt.
24. Juli 2017, 07:51
Jolanda Riedener
Eigentlich habe er Lokführer werden wollen, sagt Reno Müller, das hölzerne Ruder hält er locker in der Hand. Der 63-jährige Goldacher ist seit 31 Jahren  als Kapitän bei der Schweizerischen Bodenseeschifffahrt (SBS) tätig – bereits seit 40 Jahren arbeitet der gelernte Maschinenmechaniker auf dem Schiff. Müllers Uniform ist tadellos: schwarze Schuhe, dunkle Hosen, hellblaues Kurzarmhemd – passend zu seinen blauen Augen. Die Kapitänsmütze trägt er über den weissen Haaren.

Die Kommandobrücke und das Steuerhaus sind vorwiegend im Sommer sein Arbeitsplatz. Ausser dem Kapitän und der Crew hat hier niemand Zutritt. Von dort oben scheint das Seewasser im Sonnenlicht ganz besonders fest zu glitzern. Das Thermometer zeigt an diesem Morgen bereits deutlich über 20 Grad an. Um 9.28 Uhr geht’s los: Müller steht auf der Brücke und weist seine Crew mit einem Handzeichen an, die Schiffstaus zu lösen. Zwei Frauen rennen in diesem Augenblick auf dem Steg in Richtung Schiff: Sie wollen auch noch mit. Geduldig wartet Müller, bis auch die Zuspät-gekommenen eingestiegen sind: «Wenn noch jemand mit will, warten wir.»
Dann läuft die «St. Gallen» aus dem Romanshorner Hafen aus und nimmt Kurs in Richtung Arbon auf. 250 Tonnen bringt sie auf die Waage. «Während der Schulferien im Sommer ist Hochsaison», sagt Müller. Ein zufriedenes Lächeln umspielt seine Lippen, die Haut ist braungebrannt. Heute steht ihm ein Elf-stundentag bevor. Dann greift er zum Mikrofon: «Die ganze Schiffsbesatzung begrüsst Sie an Bord des Motorschiffs ‹St. Gallen› nach Arbon, Horn und Rorschach.»

Lieber auf dem Wasser als auf Schienen

Reno Müller hat nach seiner Mechaniker-Berufslehre mit einer Ausbildung bei den SBB angefangen. Damals gehörte auch die Schifffahrt noch zum Unternehmen. Bald kam dem gebürtigen Rorschacher die Idee, auf dem nahen Bodensee zu arbeiten, statt für die Lokführerausbildung nach Zürich zu pendeln. «Das galt damals als interner Wechsel», sagt Müller. Erfahrung im handwerklichen Bereich sind für den Beruf des Schiffskapitäns von Vorteil: «Im Winter arbeiten wir in der Werft und revidieren die Schiffe.» Heute ist er froh über seine Entscheidung: «Mich haben immer die Kraft hinter den Maschinen und ihre Mechanik fasziniert.» Auf den Kursschiffen gibt es keinen Autopiloten. Beim Zugfahren hingegen hat sich diesbezüglich in den vergangenen Jahren einiges verändert. Reno Müller öffnet eine schmale Tür, eine Treppe führt hinab. In der dunklen Kammer steht das Herzstück des Schiffs: der Maschinenraum. «Ist der Schiffsmotor eingeschaltet, wird es hier sehr laut», sagt Müller.

Auf dem Schiff gelten zwar klare Hierarchien, Teamarbeit sei dennoch unabdingbar: «Man muss sich aufeinander verlassen können. Sonst ist man verloren», sagt Müller. Mit an Bord des Kursschiffes sind neben dem Kapitän ausserdem ein Mechaniker, ein Kassier sowie eine Servicemitarbeiterin. Um Kapitän zu werden, muss man sich vom Matrosen hocharbeiten.
Der erste Zwischenstopp ist Arbon:  Müller manövriert den über 50 Meter langen und über 10 Meter breiten Koloss an Kajaks, Pedalos und Segelschiffen vorbei und kommt am Hafen punktgenau zum Stehen. Wie lenkt man so ein grosses Schiff? Laut Müller «reine Übungssache». Ausserdem verhalte sich jedes Schiff etwas anders: «Auch die Schwesternschiffe ‹Thurgau› und ‹Zürich› sind anders zu fahren», sagt er. Alle Kapitäne der SBS AG bedienen verschiedene Schiffe auf unterschiedlichen Routen.

Die Fahrzeiten sind knapp berechnet. Kaum sind alle Passagiere zugestiegen, lenkt Müller das «MS St.Gallen» wieder rückwärts aus dem Arboner Hafen. Er betätigt dreimal kurz das Signalhorn: Damit kündigt er an, rückwärts zu fahren. Der Schiffsmechaniker steht hinten beim Heck, um den Kapitän bei Hindernissen warnen zu können. «Grosse Schwemmholzansammlungen können gefährlich werden», sagt Müller. Sollte das Holz nur einen kleinen Teil des Propellers beschädigen, würde die Symmetrie nicht mehr stimmen und das Schiff sich nicht mehr steuern lassen.

Erste Hilfe bei Bienenstich oder Zusammenbruch

Vor allem an heissen Tagen fühlt sich der Fahrtwind angenehm frisch an. In seinen 40 Jahren auf dem Bodensee hat Reno Müller vieles gesehen, einen gröberen Vorfall habe er zum Glück aber nie miterlebt. «Die Besatzung wird für Notfälle geschult. Ausserdem müssen wir alle fünf Jahre wieder eine Prüfung ablegen», sagt der Goldacher. Oft muss die Crew Passagiere mit kleineren Beschwerden behandeln, etwa bei einem Bienenstich oder einer Schürfwunde. Bei ernsteren medizinischen Notfällen steuert der Kapitän das Schiff zum nächsten Hafen, oder die Notärzte kommen per Rega aufs Schiff. Auch sei es schon vorgekommen, dass jemand vom Schiff gesprungen ist. Dann heisst es «Mann über Bord», das werde natürlich entsprechend gebüsst.
«Einmal konnte ich einen Passagier davon abhalten, vom Schiff zu springen», sagt Müller. Der Mann war öfters an Bord, «ein komischer Kauz». Er habe sich immer wie ein Cowboy gekleidet und Bier getrunken. Als die Servicemitarbeiterin den Hahn zudrehte, sei er ausfällig geworden. «Bis wir am Rorschacher Hafen angelangt waren, konnte ich ihn beruhigen», sagt Müller.

In Horn steigt dieses Mal niemand zu oder aus, in Rorschach hingegen warten viele Passagiere, einige mit dem Velo. Am Steg wartet auch der Rorschacher Hafenmeister Urs Grob. Müller winkt ihm zu und legt am Hafen an. Dann verlässt er das Steuerhaus für einen Augenblick und holt sich einen Kaffee. Sein Kurs führt zurück nach Romanshorn. Bevor sein Arbeitstag endet, fährt er mit seiner «St.Gallen» aber noch weiter bis Kreuzlingen, Mainau, Meersburg und noch einmal bis nach Rorschach.

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