Tagblatt Online, 21. November 2008 01:00:32
Zugespitzt
Schatzinsel Rorschach
Während vor den Toren des Rathauses der Wahlkampf tobt, die Gegner der Hochhäuser ihre Geschütze in Stellung bringen, die Befürworter den Stadtwald preisen, stiehlt der Stadtrat allen die Show. Paul Müller verewigt sich mit einem richtungweisenden Leserbrief in den Spalten dieser Zeitung, und nur wenige Tage später machen unsere Stadtväter ernst und schreiben eine Stelle aus, die es in dieser Form wohl nirgends auf der Welt gibt: Rorschach sucht die Schatzsucherin, den Schatzsucher.
Zu diesem kühnen Schritt gratuliere ich der Stadt. An Bewerberinnen und Bewerbern dürfte es nicht mangeln. Wer hat nicht Lust, während eines Jahres auf der Schatzinsel Rorschach all die verborgenen Kostbarkeiten zu bergen, sie mit der Bevölkerung zu teilen und dabei erst noch etwas Geld zu verdienen. Und das Tolle daran ist, dass einem niemand die gehobenen Schätze streitig machen wird. Es gibt keinen John Silver, der einem den Dolch in den Rücken stösst. Im Gegenteil: Die Rorschacherinnen und Rorschacher dürfen sich erfreuen an Dingen, von denen sie bisher gar nicht wussten, dass sie in ihrer unmittelbaren Nähe schlummerten und auf den Spürsinn des Schatzsuchers warteten.
Ich beteilige mich ebenfalls an der Schatzsuche. Beim Schrauben-Urs habe ich bereits Hacke und Schaufel gekauft, und damit mir nichts entgeht, hat mir Urs Grob sein Fernrohr ausgeliehen. Als erstes mache ich mich auf die Suche nach der Hafenglocke. Die dümpelt in irgendeinem Magazin der Stadt vor sich hin. Dabei könnte sie gerade in solchen Zeiten zuweilen Sturm läuten, wenn wir Menschen vor lauter Finanzlöchern den Horizont nicht mehr sehen.
D'Hafeglogge
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