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Tagblatt Online, 7. Oktober 2010, 01:02 Uhr

Seehofquartier vor Wiedergeburt

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Abgerissen für eine nie gebaute Strasse: Diese Wohn- und Gewerbehäuser an der Hauptstrasse östlich des Rathauses verschwanden wie bis zur oberen Bahnlinie fast das ganze Quartier. (Bild: Bild: Josef Elsener)

Die acht Jahrzehnte lang von Velo Giger belegten Häuser Hauptstrasse 21/23 östlich des Rathauses werden abgerissen. Mit ihnen verschwinden die bald letzten Zeugen des einst lebendigen Wohn- und Gewerbequartiers Seehof. Statt eine Strasse werden jetzt wieder Häuser gebaut.

OTMAR ELSENER

RORSCHACH. «Total-Ausverkauf» verhiess ein handgeschriebener Karton im Schaufenster. Bis Ende September hatte Albert Giger Frist, sein seit 1928 an diesem Standort etabliertes Velogeschäft auszuräumen. «Wenn alles plangemäss läuft, werden wir noch in diesem Jahr mit dem Abriss beginnen», sagt André Eberhard, Vorsitzender der Bankleitung von Raiffeisen. Die Bank wird ein Gebäude erstellen, das den Beginn eines modernen städtischen Quartiers vom Rathaus bis zum Bahnübergang Bellevue markieren soll. Dafür werden Kran und Bagger die letzten der Häuser zerstören, welche jahrhundertelang den Rathausplatz und das östliche Stadtbild mit der Pfarrkirche prägten.

Einst bestes Hotel der Stadt

Die Bank will das neue Gebäude Seehof nennen, damit an das Hotel erinnern, das dem Quartier den Namen gab. Der Historiker Louis Specker bezeichnet das Areal als den wohl ältesten Flecken Rorschachs. 1869 waren dort über ein Dutzend Alemannengräber entdeckt worden. Das Hotel mit 100 Zimmern und 40 grossen Balkonen zur Seeseite, 1861 erbaut und 1872 vergrössert, war bis 1900 das beste in der Stadt. Mit der Industrialisierung verlor Rorschach den Status als Kurort, das Hotel wurde laut Specker (*) ein «unübersichtliches Ineinander von Werkstätten, Wohnungen, Läden, Beizen und Lagerräumen».

Wohnungen und Gewerbe

Dadurch wurde es aber auch Zentrum eines betriebsamen Quartiers. Arthur Kurz, der in einer Seehof-Wohnung aufwuchs, erinnert sich an die Geschäfte an der Hauptstrasse: «Von Westen war im Eckhaus der Geschirrladen Klaus, dann kamen Velo Giger und das Haus Bärlocher mit dem Wäschegeschäft. Weiter östlich zuerst das Restaurant Seehof der Frau Baettig, bekannt auch wegen Handörgeler Johnny Müller und Kellner Gypsy. Dann kamen Coiffeur Fritz Gmünder, nach dem Kutschendurchgang in den ehemaligen Hotelhof die Pferdemetzgerei Baumgartner und ein Trödlerladen, später ein Antiquariat.» Östlich stand das Gasthaus zur Traube mit Arbeiterwirtschaft im ersten Stock, bei der im Verlaufe des Giessereikrawalls 1905 die Fenster eingeschlagen wurden. Im Erdgeschoss befand sich die Metzgerei Züllig, später Rüegg. Vor dem Bau des Schlachthofs wurde nebenan geschlachtet.

Lumpensammler Hüttenmoser

Der Seehof bleibt vielen Rorschachern wegen Lumpensammler Hüttenmoser in Erinnerung. Adolf Hüttenmoser und später auch August Bohner an der Löwenstrasse waren die Abfallentsorger der Region, doch hiess man beide nur Lumpensammler. Hüttenmoser wohnte mit seiner Familie in einem Haus, in dem früher der Pferdeknecht und die Pferde des Hotels untergebracht waren. Tochter Hildegard Frei-Hüttenmoser bezeichnet ihren 1966 verstorbenen Vater als ein Original: «Er konnte einfach alles. Mit einer Zange war er Zahnarzt für einfache Leute, setzte Blutegel an, schnitt Haare und rasierte, war Securitas-Mann am Hafen und Einsarger für die Stadt.»

Aufgehobene Barrieren

Man brachte Hüttenmoser alles, was noch irgendeinen Wert hatte. Er lagerte es auf seinem Areal und im Schuppen, auch Knochenfässer, aus denen Buben Maden zum Fischen holten. In den Kriegsjahren wurden die Schüler aufgerufen, mit den Leiterwägeli Papier und Altmetall zu sammeln. Hüttenmoser nahm alles ab, der Erlös war für die Ferienkolonien bestimmt.

Das Quartier war von der Bahnlinie begrenzt, aber damals noch über drei Barrieren erschlossen, die alle von Bahnwärterin Amherd vom Übergang Scholastikastrasse aus etwas fahrlässig bedient wurden. Sie blieben manchmal gefährlich offen. Die Scholastika- und die Buchstrasse-Barriere wurden in den 70er-Jahren aufgehoben. So blieb nur noch die heutige an der Bellevuestrasse.

Lebendiges Quartier

Der Seehof war ein lebendiges Quartier mit Werkstätten und Wohnungen für die kinderreichen Familien. Die Kinder spielten auf den Quartierstrassen und im kleinen Vögelipärkli; so nannten sie das Stadtpärkli wegen seiner Voliere. Hans Keller, der im noch erhaltenen Haus der Nähmaschinenhersteller Alfons und Josef Keller an der Ecke Haupt-/Buchstrasse aufwuchs, erinnert sich an die Werkstatt des Schuhmachers Blumenstein an der Laubenstrasse: «Wir schauten ihm bei der Arbeit zu, dabei erzählte er uns Kindern immer Geschichten.» Den nahen Friedhof mit den Grabkapellen bezogen die Kinder mit schauerlichen Gefühlen in ihre Spiele ein. In die Werkstatt von Maler Rüst an der Buchstrasse zog später Fischer Willi Schlegel. Ein Haus an der Buchstrasse nannte man das alte Pfarrhaus. In den Archiven der Kirchgemeinde lässt sich dafür aber kein Hinweis finden. Ein kleines Stück Weg hinter dem Haus Hauptstrasse 5 stammt aus dem Mittelalter. In alten Katastern als Rheinweg bezeichnet, war es wahrscheinlich der Kirchweg der Altenrheiner.

Verfehlte Verkehrsplanung

Es gibt sie noch, die Buchstrasse und die Laubenstrasse. Doch an ihnen liegen nur noch Parkplätze. Haus um Haus verschwand, weil eine für heutige Vorstellungen wahnwitzige Planung den Verkehr auf Betonbrücken über die Bahn führen wollte auf eine neue Strasse mitten durch das Quartier bis zum Rathaus. Stadt und Kanton und auch die SBB (sie für eine Doppelspur) hatten bereits Häuser aufgekauft zwecks Abbruch. Vergeblich, denn die Stimmbürger wollten die Stadt nicht verschandeln, sagten zweimal Nein – zuletzt vor 34 Jahren.

Auftakt zu neuem Quartier

Noch bis in die 70er-Jahre konnte das Seehofareal seinen lebendigen, urbanen Charakter beibehalten. Es zog junges Szenevolk an, das günstige Wohnungen fand. 1974 verlangten 731 Bürger mit einer Petition, die Stadt solle das Haus Buchstrasse 6 für ein Jugendzentrum abgeben. Jugendliche besetzten das Haus, worauf es polizeilich geräumt wurde. Eine Aktionsgruppe «Wohnliches Rorschach» wehrte sich gegen den Abbruch des Seehofs: «Die Erhaltung ist weniger ein Akt der Denkmalpflege als ein Beitrag für die Erhaltung der Lebensqualität.»

Doch retten liess sich das Quartier nicht mehr; der «Point of no return» war erreicht. Die verlotterten Bauten wurden in den 70er-Jahren abgerissen – der Seehof 1979 nach einem Brand. Seither wartet der damals als Provisorium erstellte Parkplatz auf eine Überbauung. Die Stadt hat dem Kanton seinen Anteil am Areal abgekauft und ist nun frei, die Entwicklung zu bestimmen. Der Raiffeisen-Bau ist der Auftakt zu einem neuen Seehof-Quartier. Detaillierte Pläne für weitere Gebäude sind aber noch nicht gediehen.

* «Hotel Seehof (du Lac)» im Rorschacher Neujahrsblatt 1980


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