Tagblatt Online, 22. Oktober 2011 01:03:51
SCHATZSUCHERIN
Ursula Seitz in ihrem Ladenuniversum, im Kiosk Bäumlistorkel. (Bild: Barbara Camenzind)
Kiosk der Herzlichkeiten
Durch Rorschachs Gassen flanierend, eingetaucht in die Geschäftigkeit des Verkehrs, der Baustellen und Menschen, spült es mich zum heimlichen hafenstädtischen Fluchtpunkt. Es ist ein Strassengeflecht mit Tentakeln in alle Richtungen, ein Ort des Durchgangs an der SBB-Berglinie. Wie eine stoische kleine Landzunge ragt der Kiosk Bäumlistorkel in das Gewirr der Abzweigungen und Vorfahrten. Seiner Geschichte musste ich nachspüren.
Es ist ein Kommen und Gehen wie in einem fröhlichen Bienenhaus. Geschäftsherren, Schülerinnen, Rentner geben sich die Türfalle des Wintergartens in die Hand – an einem Stehtischchen trinkt jemand Tee. Kurz schaut ein Gewerbler hinein und gönnt sich eine Pausenschokolade.
Ursulas Ladenuniversum
Zentrum im Mikrokosmos der Zeitungen und Zigaretten ist ein ruhiges Gesicht. Ursula Seitz lächelt hinter dem Verkaufstresen, parliert kurz mit dem Teetrinker und verschwindet im Hintergrund, um die Kaugummis wieder aufzufüllen. Sie lebt eine gleichschwebende Aufmerksamkeit für ihr Ladenuniversum. «Als die Kinder aus dem Gröbsten heraus waren, wollte ich gerne wieder arbeiten. Einen Kiosk zu betreiben, war mein Traum», erzählt die 51-Jährige. Dieser Traum ging 2003 in Erfüllung. Der Einstieg war ein Lehrblätz. «Es fiel mir nicht ganz leicht, plötzlich mit all den Leuten zu sprechen. Ich merkte, dass ich eher schüchtern bin», sagt Ursula Seitz dazu. Ein, zwei Einbrüche später hat sie genug Chuzpe, einen frechen Langfinger bis hinter die Bahnlinie zu verfolgen.
In der Nische auf der Hauseingangsseite sitzen drei Stammgäste. Jörg, Hans und Uschi sind sich einig: Wer auf der Bäumlistorkel- Landzunge gelandet ist, hat Glück. «Man kommt hierher und wird sofort gut gelaunt. Chefin Ursel und ihre zwei Mitarbeiterinnen haben die Sache hier voll im Griff», erzählt Hans, vor sich das Dosenbier.
Die Sache im Griff
Die «Sache» bedeutet im Bäumlistorkel unendlich viel mehr als der Verkauf von «Chrömliware». «Im Haus wohnen viele ältere Leute. Auf die habe ich ein wenig ein Auge, gehe nachschauen, wenn ich jemanden länger nicht gesehen habe und helfe ihnen beispielsweise beim Ausfüllen von Formularen», berichtet Ursula Seitz. Andererseits wird ihr Kiosk immer wieder zum Gepäckdepot für Stammkundschaft, so wie man bei der freundlichen Frau auch seine Sorgen deponieren kann, wenn niemand mehr zum Reden da ist.
Ich erkenne, dieser Kiosk ist eine Art Umschlagplatz, nicht nur etwa für News und Zuckerkrimskrams, sondern auch für Herzlichkeiten.
Rorschach-Alchemie
Bäumlistorkel bezeichnet eine Form des Baumkelters, hier stand in alter Zeit vermutlich eine Gemeinschafts-Obstpresse, in der Saft gewonnen wurde. Sicherlich war das kein trauriges Treiben. Heute wird am gleichen Ort mit Presseerzeugnissen gehandelt und ein klein wenig Rorschach-Alchemie betrieben. Denn der Schwatz mit Ursula Seitz und ihren Kioskfrauen ist für manch einsames Herz Gold wert und ihre Gabe der stillen, gleichschwebenden Aufmerksamkeit empfinden viele Suchende als tröstliches Glück und Lebenselixier.
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