Tagblatt Online, 31. Oktober 2011 07:16:00
Mäuse dingfest gemacht
Paul Etter aus Rorschacherberg erzählte am Geschichtenabend «Dingfest» von seiner Hassliebe zu seinen Mitbewohnern, den Mäusen. (Bild: Marco Kamber)
RORSCHACH. Der Kulturhistorische Verein Region Rorschach hat die Wundertüte geöffnet: Am Geschichtenabend «Dingfest» treten fünf Erzähler vor das Publikum im Restaurant Schnell und geben lustige und überraschende Geschichten zum besten.
LEA MÜLLER
Im Restaurant Schnell beim Rorschacher Hafen wurde wohl seit langem nicht mehr so laut und ausführlich gelacht: Für den Geschichtenabend «Dingfest» öffnete das Lokal wieder seine Türen – zumindest für einen Abend lang. Der Kulturhistorische Verein Region Rorschach hat fünf Männer aus der Region Rorschach eingeladen, dem Publikum einen bestimmten persönlichen Gegenstand vorzustellen und dazu eine Geschichte zu erzählen.
Fünf Männer, fünf Dinge
Fünf Männer präsentierten den 50 Gästen am Freitagabend fünf Dinge. René Lehner eröffnete den Geschichtenabend mit der Enthüllung eines Bildes, das jahrelang in seinem Treppenhaus hing: eine Skizze des spanischen Star-Architekten Santiago Calatrava, die er 2001 zu den Ausbauplänen des Kornhauses gezeichnet hatte. Res Lerch erzählte, wer einst im Haus an der Simonstrasse 7 wohnte, und wie ihn der Parteiwechsel des Stadtpräsidenten zu dieser Geschichte führte. Um die weisse Matrosenmütze von Ronnie Ambauen ranken sich viele Geschichten. Sieben Jahre lang heuerte er auf Bodenseeschiffen an, erlebte waghalsige Rettungsaktionen und verkaufte den Touristen Kühe als Wasserbüffel. Louis Speckers Ding ist das Leiterwägeli. Der Historiker präsentierte Streiflichter auf dessen Funktion in vergangenen Jahrzehnten und erhob den «Karren» zum Denkmal.
Der Rahmen dieses Textes lässt nicht zu, auf alle diese ausführlich erzählten Geschichten genauer einzugehen – was aber nicht heisst, dass dies zu einem späteren Zeitpunkt nicht nachgeholt werden kann. Vorerst also die vollständige Geschichte des fünften Mannes, des Rorschacherbergers Paul Etter: Sein Ding ist eine Mausefalle. Genauer gesagt eine ganze Sammlung von ebenso raffinierten wie grausamen Mausefallen aus vergangenen Epochen.
Wohnrecht im Hühnerstall
Hinter Paul Etters Sammlung steckt eine über 25 Jahre alte Hass-Liebe zu den graubraunen Tierchen. 1984 kaufte sich die Familie Etter ein 350 Jahre altes Bauernhaus in Rorschacherberg. Sie übernahmen es in einem verwahrlosten Zustand, da vier Jahre lang niemand darin gewohnt hatte – zumindest keine Zweibeiner. Als sich die Familie nach dem Umzug nämlich zufrieden auf ihrem Diwan in der Stube niederliess, sass eine Maus vor dem Kachelofen. «Wir starrten uns gegenseitig an und fragten uns, wer wohl das Recht auf die Stube hat», erzählt Paul Etter lachend.
In der Folge begann ein langer Kampf um das Wohnrecht. Paul Etter stellte Falle um Falle auf. Die Mäuse gewöhnten sich immer wieder dran. Neue, den Tierchen noch unbekannte Fallen mussten her. Paul Etter kennt heute alle Kniffs und Tricks, weiss sogar, wie man ganze Mäusefamilien auf einen Schlag in die Falle lockt. Aus seiner Sammlung präsentiert er dem Publikum wahre «Schiessanlagen» und «Guillotinen» für Mäuse. Doch einen blutigen Kampf hat er in all der Zeit nie geführt. «Ich kann keine Tiere töten», sagt Paul Etter. Viel lieber habe er sie gefangen und anschliessend irgendwo freigelassen. «Am besten bringt man sie zum Schloss Wartegg», rät er dem schallend lachenden Publikum.
Mittlerweile ist sein altes Haus mehr oder weniger «mäusefrei». Paul Etter hat den Kampf für sich entschieden. «Doch im Hühnerstall durften die Mäuse ihr Wohnrecht bis heute behalten», betont er und schmunzelt.
Fortsetzung im Frühling
Wer alle fünf Geschichten des ersten «Dingfest» hören will, kann dies auf der Website www.dingfest.ch nachholen: Die Veranstalter veröffentlichen Tonaufnahmen. Im Frühling 2012 plant der Kulturhistorische Verein Region Rorschach eine Fortsetzung . «Wir haben schon Anmeldungen», sagt Initiant Martin Buschor. Wer aber nicht warten will, kann seine Geschichte schon vorher auf der Website veröffentlichen.
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