Tagblatt Online, 29. Oktober 2009 01:01:01
Jedem Bürger seine Kreide
Vor einer Woche fand die Reihe «Stadt als Bühne» der FHS St. Gallen ihren Abschluss. Inzwischen liegen die Ergebnisse vor, neue Ideen inklusive. Etwa Anliegen an die Stadt mit Kreide auf dem Trottoir zu hinterlassen. Eine Nachlese.
rorschach. Vor einer Woche bot die Rorschacher Hauptstrasse kurz vor Mittag ein ungewohntes Bild. Zwischen «la vela» und Rathaus knieten in regelmässigen Abständen Synchronschreiberinnen, welche die gesammelten Ideen einer «Stadt der Sinne» mit Kreide auf den Bürgersteig übertrugen. Entstanden ist ein über 400 Meter langer Lauftext, im wörtlichsten Sinne.
Rückwärtsgeher
Der Laufsteg als Lesesteg – eine vergängliche Installation von entschleunigender Wirkung: Passanten blieben an der Bordsteinkante stehen, blätterten mit ihren Füssen im steinernen Schriftstück oder diktierten ihre Visionen kurzerhand auf den Bürgersteig. Eine Frau mahnte ihren Mann, seinen verzögerten Schritt zu beschleunigen, sonst kämen sie nie zum Mittagessen. Andere wandelten rückwärts, sogenannte Rückwärtsgeher, die Geburt einer neuen Stadtfigur.
Neujahrsgeschenk
Inzwischen sind die Kreidespuren verblasst, vom Regen ausgewaschen. Nur noch einzelne Fragmente zieren den Laufsteg an Rorschachs Hauptverkehrsader. In den Köpfen der Initianten der Reihe «Stadt als Bühne» hingegen arbeiten die Ideen weiter. Man stelle sich eine Stadt vor, so Mark Riklin, in der alle Bürgerinnen und Bürger eine Kreide im Gepäck haben, vom Stadtrat zum Jahreswechsel geschenkt bekommen. Mit der Einladung, ihre Ideen und Anliegen direkt auf dem Trottoir zu hinterlassen.
Kreide-Berechtigung
Bürgersteig-Schreiben – eine neue Form von Bürger-Journalismus? Eine Ausweitung des Demokratieprinzips «One person, one vote»? Neben der Stimmberechtigung gäbe es in Rorschach eine Kreide-Berechtigung, unabhängig von Alter und Nationalität. In einer Stadt mit über 40 Prozent Ausländerinnen und Ausländern wäre dies, so Riklin, eine neue Möglichkeit, der ganzen Einwohnerschaft eine Stimme zu verleihen. Im Kreidendepot der Stadtkanzlei könnten jederzeit neue Kreiden bezogen werden.
Spaziergangswissenschaft
Parallel dazu könnte in Rorschach der erste Lehrstuhl für Promenadologie (Spaziergangswissenschaft) eingerichtet werden. Ein öffentlich zugängliches, kostenloses Training im Flanieren, Schlendern, Wandeln und gleichzeitig Ideenentwickeln. In Anlehnung an die Peripatetiker, eine philosophische Richtung der alten Griechen, die bereits vor Jahrtausenden entdeckten, dass kreative Gedanken nicht nur dem Kopf, sondern dem ganzen Bewegungsapparat entspringen: der Gedankengang im wörtlichen Sinne.
Ausserordentliche Sitzung
Vorerst aber warten die Initianten der Reihe «Stadt als Bühne» gespannt auf ein Feedback aus dem Rathaus. Wie der Stadtrat wohl mit der 22 Meter langen Depeschenrolle umgehen wird? Ob tatsächlich eine ausserordentliche Sitzung zum Verlesen der Depesche einberufen wird? Und wie viele Meter Sinnlichkeit wohl für die Zukunft Rorschachs Bedeutung bekommen werden? (pd)
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