Tagblatt Online, 31. Dezember 2011 01:08:59
Immer dem roten Faden nach
Mit dem Dezember geht Barbara Camenzinds Jahr als Schatzsucherin zu Ende. Die etwas andere Beamtin blickt auf ein abwechslungsreiches Jahr zurück und hinterlässt ein letztes Mal ihre Spuren in der Hafenstadt.
CORINA TOBLER
RORSCHACH. Er ist das A und O einer funktionierenden Geschichte: der rote Faden. Einen solchen zieht Barbara Camenzind gerade mit verschmitztem Grinsen quer durch die ganze Stadt, auf den Spuren ihrer Arbeit im Jahr 2011. Es ist eine ihrer letzten Amtshandlungen als offizielle Schatzsucherin.
150 Leute halfen mit
«Ich will zumindest kurzzeitig die Geschichten und Schätze, die ich gehoben habe, sichtbar machen», erklärt sie, einen grossen roten Wollknäuel unter den Arm geklemmt. Sie steht vor Willi Kerns Zuhause und befestigt am Faden einen Ausdruck ihres Berichts über den 90jährigen Tambour. Es ist eine der Geschichten, die ihr besonders in Erinnerung geblieben sind. Sie wirft schmunzelnd einen letzten Blick auf ihr Werk, dann marschiert die Noch-Schatzsucherin zielstrebig weiter zu ihrer nächsten «Fundstelle».
Ganz so direkt waren ihre Wege zu den immateriellen Schätzen, die sie im Auftrag der Stadt finden sollte, in den vergangenen zwölf Monaten nicht immer. Einen roten Wollfaden hatte sie nie dabei – dafür aber ein grosses Notizbuch in gleicher Farbe, dessen Seiten sich im Laufe des Jahres immer mehr füllten. Dabei waren ihr nicht nur der erste Schatzsucher Richard Lehner und Initiant Mark Riklin eine grosse Hilfe, sondern vor allem auch die Rorschacherinnen und Rorschacher selbst. «Ich sagte zu Beginn des Jahres, die Schatzsuche 2011 könne nur funktionieren, wenn die Leute mithelfen. Das haben sie getan, und wie. Es sind rund 150 Personen beteiligt gewesen», freut sich Barbara Camenzind.
Ausser Haus und im Einsatz
Nicht nur über Briefe, sondern auch durch persönliche Begegnungen kam sie zu immer neuen Funden. Sie bezeichnet ihre Schatzsuche als weit mehr als einen Zehn-Prozent-Job, für den sie aber stets hochmotiviert war. «Nach einigen Monaten konnte ich kaum mehr aus dem Haus gehen, ohne im Einsatz zu sein. Überall bekam ich spannende Geschichten zu hören.» Und weil sich Geschichten an einem gemütlichen Tisch bedeutend besser erzählen lassen, wurde sie notgedrungen zur Beizengängerin. «Meine Familie trug's mit Fassung; ebenso wie die Tatsache, dass ich mich in jeden meiner Schätze verliebt habe», fügt sie lachend an.
Barbara Camenzind hat aber nicht jede Geschichte gleich als Schatz klassifiziert. «Für mich musste ein Schatz drei Bereiche ansprechen: den persönlichen, den städtischen und auch auf gewisse Weise den globalen. Ich habe zwar fast nur Personen vorgestellt, doch ich versuchte immer auch einen Fokus darauf zu legen, wofür diese Person steht – sowohl in Bezug auf Rorschach als auch aufs menschliche Leben.»
Die Suche soll weitergehen
Sie sei ihrer eigenen Arbeit gegenüber sehr kritisch, meint die Schatzsucherin, einen weiteren Faden festzurrend. Trotzdem blickt sie auf ein Jahr voller schöner Erinnerungen zurück. Eine davon ist ihre Mission in Rorschachs ungarischer Partnerstadt Sopron. «Ich reiste Kraft meines Amtes als Schatzsucherin an und wurde sogar offiziell empfangen.» Eine besondere Ehre war es auch, im Juni die Diplomrede in der PHSG halten zu dürfen – Camenzind hatte einst selbst im Mariaberg die Primarlehrer-Ausbildung absolviert. Solche Erlebnisse zeigten der «positiven Detektivin», wie sie sich selbst bezeichnet, dass ihre Arbeit geschätzt wird.
Auch für sie selbst hat die Schatzsuche und vor allem das Schreiben immer mehr an Bedeutung gewonnen. «Ich schreibe mittlerweile fast so gern wie ich singe», sagt die ausgebildete Sängerin. Ihre Anstellung bei der Stadt endet aber mit dem heutigen Tag. Wie es mit der offiziellen Schatzsuche weitergeht, wird im Januar kommuniziert. Camenzind selbst möchte ihre Arbeit aber gerne privat auf irgendeine Weise weiterführen. Deshalb hat sie sich gerade ein neues Notizbuch gekauft, denn ihr rotes ist mittlerweile bis auf die allerletzte Seite beschrieben.
Ungeschriebene Geschichten
Wegwerfen wird sie es aber nicht, im Gegenteil: «Ich konnte auf einige Zuschriften noch gar nicht reagieren, will das aber unbedingt tun. In meinem Buch sind so viele Geschichten festgehalten, die ich noch gar nicht erzählen konnte», sagt Barbara Camenzind mit leuchtenden Augen und hinterlässt beim Bäumlistorkel-Kiosk einen weiteren roten Faden. Wer ihren Spuren folgt, sieht wie sie 2011 ein ganzes Geschichten-Netz gesponnen hat. Sie folgte dabei nicht dem kürzesten Weg, sondern nahm Kurven und Umwege – aber verloren hat sie den roten Faden nie.
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