Tagblatt Online, 28. August 2010 01:03:10
Gegenspieler des Schatzsuchers
Mark Riklin: «Als <fremdem Fötzel> sind mir Grenzen gesetzt.» (Bild: Bild: zVg)
Stadtblogger Res Lerch und Kunstfigur Adda Adda kritisieren die Neuauflage des Schatzsuchers. Mark Riklin, Erfinder der Schatzsucher-Idee, bezieht im Interview Stellung und verrät, was es mit seiner Idee eines Gegenspielers auf sich hat.
Mark Riklin, die Stellenausschreibung für einen neuen Schatzsucher stösst neben Zuspruch auch auf Kritik. Stadtblogger Res Lerch schreibt, dass «alter Wein in neuen Schläuchen kein Highlight» mehr sei. Wie reagieren Sie darauf?
Mark Riklin: Ich habe die Kritik gelesen und freue mich über diese ernsthafte Auseinandersetzung mit dem Schatzsucher. So alt ist dieser Wein aus meiner Sicht aber nicht. Guter Wein braucht bekanntlich Zeit zum Reifen. Die Stellenausschreibung ist keine Wiederholung, sondern eine Zuspitzung.
Der Schatzsucher oder die Schatzsucherin wird immaterielle Schätze bergen. Vorbilder sind zum Beispiel die Tagesmutter im Migrospärkli oder die Stadtfüchsin. Welche Stadt hat schon eine Art Talentscout, der nach verborgenen Talenten sucht?
Rorschach war bei der ersten Suche nach einem Schatzsucher national wie international positiv in den Schlagzeilen. Das wird jetzt wohl kaum wieder der Fall sein.
Riklin: Diese Einschätzung deckt sich mit meiner Prognose: Die Resonanz auf die neue Stellenausschreibung wird kaum auf Augenhöhe der ersten sein, weder was die Anzahl Bewerbungen noch was das Medieninteresse betrifft. Die neuerliche Ausschreibung unterstreicht gerade deshalb die Ernsthaftigkeit des Anliegens; dass es nicht einfach nur darum geht, möglichst viel Aufmerksamkeit zu erheischen und die Idee wieder fallen zu lassen, sobald die Aussicht auf mediales Interesse geringer scheint. Der Rorschacher Schatzsucher ist kein Jux und schon gar keine Eintagsfliege.
Unter welchen Bedingungen kann eine Neuauflage gelingen?
Riklin: Die Aufgabe ist ungleich schwerer, da immaterielle Schätze nicht so leicht aufzuspüren sind. Es erfordert eine besondere Suchstrategie, um Talente zu entdecken und zugänglich zu machen. Die Suche darf nicht abrutschen in «Rorschach sucht den Superstar». Bei der Schatzsuche geht es gerade nicht um Stars, sondern um soziale Ressourcen, die bisher verborgen waren und allenfalls in den Dienst des Gemeinwesens gestellt werden können.
Adda Adda schlägt in einem Flugblatt vor, den Schatzsucher durch einen Rathausnarren zu ersetzen, der an Sitzungen des Stadtrates teilnehmen und sich in die öffentliche Diskussion einmischen soll.
Riklin: Der Schatzsucher und ein Rathausnarr würden sich nicht ausschliessen. Im Gegenteil, sie könnten sich ergänzen. Meines Wissens steht nirgends geschrieben, dass pro Jahr nur eine neue Stadtfigur eingeführt werden darf.
Für einen Rathausnarren spreche ich mich dennoch nicht aus: Ich würde eine Figur nicht auf das Rathaus beschränken, sondern auf die ganze Stadt ausweiten. Man gäbe den Stadtoberen zu viel Macht, würde man alles Glück und Übel im Rathaus vermuten.
Adda Adda bezieht sich auf Ihre Idee eines Gegenspielers für den Schatzsucher, die Sie im Buch «Stadt als Bühne» skizzieren.
Riklin: Mir schwebt ein Gegenmodell zum Schatzsucher vor. Nicht nur das Negative, sondern auch das Positive kann übertrieben werden. Die Scheinwerfer nur auf Schätze und Potenziale der Stadt zu lenken, ist zu einseitig. Der Schatzsucher braucht einen Gegenspieler. Eine Stadtfigur, die Dinge ans Licht bringt, die andere nicht ansprechen oder unter den Teppich kehren. Dieser Gegenspieler soll Zweifel laut aussprechen und Fragen aufwerfen, ohne in erster Linie Schuldige zu suchen.
Als welche Figur könnte dieser Gegenspieler auftreten?
Riklin: Noch ist unklar, in welchem Gewand diese Figur auf die Welt kommen soll. Ein Stadtnarr droht zu wenig ernst genommen zu werden. Ein Wahrheitsgeiger muss befürchten, dass ihm die Geige am Kopf zerschlagen wird. Ein Herold ist traditionellerweise ein Sprachrohr der Obrigkeit. Gesucht ist eine Art Zwischenrufer, eine Art personifizierte Erinnerung, die in unregelmässigen Abständen im öffentlichen Raum auftaucht, um im Interesse des Gemeinwohls Vergessenes, Verdrängtes und Verschwiegenes zum Thema zu machen.
Wer könnte diese Figur besetzen?
Riklin: Res Lerch und Adda Adda übernehmen bereits jetzt Aufgaben von Gegenspielern, indem sie eine Gegenöffentlichkeit herstellen, jenseits der gängigen Informationspraxis von Stadtrat und Tagblatt. Sie sind eine Art Stadtmerker, die sich für diese Stadt engagieren. Schade, dass sie bisher nicht ernster genommen werden, so scheint es zumindest.
Wann könnte ein Gegenspieler erstmals öffentlich auftauchen?
Riklin: Idealerweise mit Arbeitsbeginn des neuen Schatzsuchers, also anfangs 2011. Eine Idee ist aber immer nur so gut, wie sie bei den Stadtbewohnern auf Resonanz stösst. Als «fremdem Fötzel» sind mir Grenzen gesetzt: Es ziemt sich nicht, mich zu sehr in Rorschachs Innereien einzumischen. Im Idealfall geht die Idee wie beim Schatzsucher und den Glöcknern auf Rorschacherinnen und Rorschacher über.
Interview: Lea Müller
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