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Tagblatt Online, 20. August 2008 01:00:22

Gedankenanstösse auf dem WC

«101 Fragen an eine Stadt»-Poster sollen das schlummernde Potenzial am stillen Örtchen wecken

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101 Fragen an die Stadt sorgen in öffentlich zugänglichen Toiletten in Rorschach für stille Kommunikation. Die Initianten hoffen auf zahlreiche Rückmeldungen von Seiten der «Sitzenden» (Bild: Bild: Rudolf Hirtl)

RORSCHACH. Im Frühjahr haben Studierende der FHS St. Gallen auf dem Marktplatz 101 Fragen an die Stadt Rorschach gesammelt. Nun werden diese auf Plakaten in Klos städtischer Kneipen angebracht. Es darf mit längeren Sitzungszeiten gerechnet werden…

rudolf hirtl

«Der im Bauch der Rorschacher angesammelte Geschichtenstau entlädt sich fast explosionsartig und mündet in rund 100 informelle Fragen an die Stadt», hiess es am 20. März im St. Galler Tagblatt, als über die erste Folge der dreiteiligen Reihe «Stadt als Gespräch» berichtet wurde.

Aushang an Klotüren

In den nächsten Tagen werden die 101 Fragen, die während der erwähnten Aktion im Frühjahr von Studierenden der FHS St. Gallen, Hochschule für Angewandte Wissenschaften (Fachbereich «Soziale Arbeit»), auf dem Marktplatz gesammelt und von einem Herold öffentlich ausgerufen wurden, an vereinzelten Klotüren städtischer Kneipen in Poster-Form ausgehängt, um an den stillen Örtchen zum Nachdenken über Gegenwart und zukünftige Ausrichtung Rorschachs anzuregen. Dies in der Hoffnung, dass Lesende eine Frage mitnehmen und unter die Leute bringen.

Den Auftakt machten Anfang dieser Woche die Herren- und Frauentoiletten im Café Marktplätzli in Rorschach, wo Korngelb auf Rot, die Farben des Wappens Rorschachs, die versammelten Fragen als druckfrische Poster an der Wand hängen.

Die besten Ideen auf dem Klo

Ausgehängt werden die Fragebogen ausschliesslich in öffentlichen und halböffentlichen Toiletten. Die hohe Frequenz der «Bedürfnisanstalt», wo alle irgendwann einmal hin müssten, würde diese zum idealen Ort für stille Kommunikation machen, begründen Mark Riklin und Selina Ingold, die zusammen die Stadt Rorschach bereits mit verschiedenen Aktionen bereichert haben, ihr ungewöhnliches Vorgehen. Der hohe Beachtungsgrad, wenig bis keine Konkurrenz anderer Plakate und sonstiger Ablenkungen würden aus dem stillen Örtchen einen Ort der Musse, des Innehaltens, Nachdenkens und des Rückzugs machen. «Ein Ort mit enormem Potenzial; nicht umsonst kommen etlichen Menschen die besten Ideen auf dem Klo», so Selina Ingold schmunzelnd zum Konzept, anstelle kommerzieller Werbung philosophische Gedankenanstösse in Klos zu plazieren. In den mit Plakaten behangenen Toiletten muss in nächster Zeit demnach wohl mit längeren Sitzungs- und Wartezeiten gerechnet werden…

Fragen darf man alles

Laut Mark Riklin soll die Intervention «Fragen an eine Stadt» als Ausgangspunkt einer mitwirkenden Stadtuntersuchung ein kleines Stadtgespräch auszulösen. Dabei hätten in der ersten Phase Fragen den Vorrang vor Antworten. Welche Überlegungen stecken dahinter? «Fragen sind mindestens so wichtig wie Antworten, und fragen darf man alles. Zudem fungieren Fragen als Türöffner des Geistes, als Anlasser, Motor und Treibstoff, um Denkprozesse in Gang zu bringen», sagt Riklin. Entscheidend sei, dass nicht in erster Linie die Initianten Fragen stellen würden, sondern die Bewohner der Stadt.

Eine Art Selbstbefragung

«Die Fragen sind in Du-Form an die abstrakte Grösse <stadt> gerichtet, also an die Stadt als Körperschaft, welche die Gesamtheit der Bevölkerung repräsentiert. In diesem Sinne ist das vorliegende Ergebnis eine Art Selbstbefragung: Bürgerinnen und Bürger stellen – sich selbst – Fragen, denken laut nach über Gegenwart und Zukunft, und eine Stadt hört ihnen dabei zu», so Riklin.

Als Poster liegen die versammelten Fragen nun also vor. Entstanden ist ein breites Spektrum, ein paar Beispiele: Persönlich: Schminkst du dich? (Frage 01); Philosophisch: Was fehlt dir zum Glück? (74); Praktisch: Wer verwaltet den Schlüssel vom Jakobsbrunnen? (59); Neugierig: Gehalt Stadtpräsident? (41); Zukünftig: Wohin steuerst du? (101).

Unter http://www.ifsa.ch/392 kann der Fragebogen heruntergeladen werden. Ausserdem werden die Fragen in den kommenden Tagblatt-Ausgaben publiziert.




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