Tagblatt Online, 21. Oktober 2009 07:32:00
Geburtshilfe abgeschlossen – jetzt muss Rorschach selber atmen
Auf dem Laufsteg in der Ankergasse hatten die wichtigsten Stadtfiguren der Reihe «Stadt als Bühne» gestern nochmals einen Auftritt. (Bild: Bild: Nader Nobakhti-Afshar)
RORSCHACH. Mit der Reihe «Stadt als Bühne» haben Selina Ingold und Mark Riklin Rorschach neues Leben eingehaucht. Die Zeit der schrägen Stadtfiguren ist seit gestern zwar zu Ende, doch die Stadt will ihren phantasievollen Weg weitergehen.
rudolf hirtl
Was haben die Menschen gestaunt, als ihnen Butler den Einkauf nach Hause trugen, sie auf dem neuen Platz am Hafen auf Liegestühlen Siesta halten konnten, im Café Hochhaus einen Espresso serviert bekamen oder auf öffentlichen Toiletten eine Inventarliste der städtischen Schätze studieren konnten. Gestern wurde der sympathische Spuk mit dem Défilé der Stadtfiguren beendet.
Auch weiche Faktoren wichtig
Zweimal jährlich haben Selina Ingold und Mark Riklin mit ihren Studenten Denkanstösse gegeben, die Stadt gar zum Handeln animiert. Der von ihr eingesetzte Schatzsucher war selbst im brasilianischen TV ein Thema. Bleiben werden mit Bestimmtheit Erinnerungen an die Aktionen, die bei vielen Einwohnern die Identifikation mit Rorschach verstärkt haben.
Aber, wird Rorschach seinen schrägen und phantasievollen Weg nun weitergehen? «Ja», sagt Stadtpräsident Thomas Müller, «in der Stadt passiert derzeit sehr viel, grosse Bauten werden sie markant verändern. In dieser Phase sind weiche Faktoren, also Emotionen, sehr wichtig. Unter diesem Aspekt war die Reihe unglaublich wichtig. Sie hat die Freude am Selbstverständlichen, das im Alltag nicht mehr gesehen wurde, geweckt.
Aber auch das Bewusstsein für Menschen, die Fröhlichkeit verbreiten, die man als Figuren aber übersehen hat.» Die Initianten hätten aufgezeigt, wie das Ganze zu entwickeln sei, die Stadtführung werde daran anknüpfen und diese Faktoren nicht vernachlässigen.
Das Volk muss aktiv werden
«Die Reihe war genial, weil sie so schräg dahergekommen ist», sagt Stadt-Blogger Res Lerch begeistert.
Es sei den Initianten gelungen, den Fokus der Menschen für poetische Belange zu öffnen, was Rorschach unheimlich gutgetan habe. Vor allem die 101 Fragen an eine Stadt hätten es ihm angetan und dafür gesorgt, dass er öfters länger auf dem WC verbracht habe. Die Aktionen hätten Rorschach eine Einzigartigkeit verpasst. «Es liegt nicht nur an der Stadtführung, Rorschach auf diesem Kurs zu halten, die Initiative dafür muss auch von der Bevölkerung ausgehen», so Lerch
Eine Stadt lebe von Menschen, die sich engagierten und sich mit ihr identifizierten – dies hätte die Reihe zum Ausdruck gebracht, sagt Stadtrat Ronnie Ambauen. Dass nun alles im Sand verlaufe, glaube er nicht, wichtig sei jedoch, jene zu unterstützen, die sich für Rorschach engagierten.
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