Tagblatt Online, 12. Dezember 2008 01:03:49
Ernennung zum Schatzsucher löste Feueralarm im Rathaus aus
Im Visier der Medien: Die Ernennung von Richard Lehner zum Schatzsucher bringt die Stadt Rorschach erneut im In- und Ausland in die Schlagzeilen.
Der Journalist und Autor Richard Lehner ist der erste offizielle Schatzsucher der Stadt Rorschach. Mit seiner funkelnden Leidenschaft hat er die Bewerbungskommission überzeugt und die härteste Konkurrentin kurz vor der Ziellinie noch überholt.
rudolf hirtl
Nach Durchsicht der Bewerbungsunterlagen habe eine der 17 Frauen, die sich um die Stelle des Schatzsuchers bemüht hätten, die Nase vorne gehabt, sagt Mark Riklin, Urheber der Idee und Projektverantwortlicher. Nach den Bewerbungsgesprächen sei die Wahl jedoch einstimmig auf den Rorschacher Richard Lehner gefallen. «Seine Augen haben gefunkelt, als er von den Schätzen der Stadt schwärmte. Es war genau jene Leidenschaft für Rorschach zu spüren, die es braucht, um dieses aussergewöhnliche Amt auszuführen.»
Nähe, aber auch Distanz
Bedenken, dem frischgewählten 51jährigen Schatzsucher, der sich in der Vergangenheit bereits mit verschiedenen Publikationen über Rorschach als Geschichtensammler einen Namen gemacht hat, fehle es unter Umständen an der nötigen Distanz, um auch die neuen, nicht «verstaubten» Schätze der Stadt zu entdecken, teil Riklin nicht. Im Gegenteil, Richard Lehner sei zwar zurück bis zur Urgrossmutter mit Rorschach verwurzelt, er arbeite aber seit 12 Jahren in Zürich, wodurch auch die nötige Distanz, der Blick und die Wahrnehmung von aussen gegeben sei. Ausserdem habe er auch mit seiner Qualifikation als Kommunikationsprofi beim WWF gepunktet. «Ich bin kein Nostalgiker», macht Richard Lehner klar. Er sei bereit, mit Leidenschaft und Abenteuerlust Neues zu entdecken, auf Menschen zuzugehen und mit ihnen Schätze zu heben. Er sehe es als seine Aufgabe an, Einheimischen jeden Alters, jeder Konfession und jeden Herkunftslandes, aber auch Touristen die Möglichkeit zu geben, sich an der Schatzsuche zu beteiligen.
Hühnerhaut-Telefonat
Genau dieser Ansatz, so Mark Riklin, der auch in der Bewerbung von Richard Lehner im Satz «Jede ist Schatzsucherin, jeder ist Schatzsucher» zum Ausdruck gekommen sei, habe die Bewerbungskommission angesprochen. Der Wille und die Lust, auch andere für die Sache zu überzeugen und zu begeistern, sei bei der Wahl mitentscheidend gewesen.
Er sei am Mittwochmorgen kurz vor 8 Uhr in einem Zürcher Café gesessen, als ihn der Anruf von Stadtschreiber Bruno Seelos erreichte, sagt Lehner. «Er wird doch nicht so früh anrufen, um mir eine Absage zu erteilen, war meine erste Überlegung. Als er mir dann tatsächlich mitteilte, die Kommission habe sich für mich entschieden, musste ich zuerst an die frische Luft. Ich war völlig überwältigt.» Er bekomme jetzt noch Hühnerhaut beim Gedanken, dass er nun offizieller Schatzsucher Rorschachs sei. Dem Stadtrat danke er nicht nur für seine Wahl, sondern gratuliere diesem auch zum Mut, als vermutlich erste Stadt der Welt eine solche Position zu besetzen.
Mark Riklin betont, dass das Engagement als Schatzsucher auf ein Jahr befristet ist. «Er soll auf keinen Fall sämtliche Schätze heben und ans Tageslicht holen, dies würde den Platz Rorschach entzaubern.» Von der Resonanz, welche die von ihm lancierte Idee ausgelöst hat, zeigt sich Riklin überwältigt. «Ich habe auf 3 Bewerbungen gehofft, geworden sind es 37. Dies zeigt eindrücklich, dass die Leute an das Potenzial von Rorschach glauben.»
Mit Siegel Alarm ausgelöst
Bruno Seelos machte die Ernennung gestern offiziell, überreichte Richard Lehner die entsprechende Urkunde und einen Schlüssel zur Stadt, der die Herzen der Bewohnerinnen und Bewohner öffnen soll. «Der Stadtrat ersucht die Bevölkerung», so der Text auf der Urkunde, «den Schatzsucher bei seiner Arbeit zu unterstützen, indem sie ihm Türen zu Schatzkammern der Stadt öffne und sachdienliche Hinweise zukommen lasse, auf dass möglichst viele ungehobene Schätze ans Tageslicht gebracht werden können.»
Um der Urkunde das nötige Gewicht zu verleihen, hatte der Stadtschreiber im Vorfeld der Medienorientierung ein von Anfang des vergangenen Jahrhunderts stammendes Siegel ausgegraben. Mit der Aufbringung des Siegellackes, den er mit Hilfe eines Feuerzeuges zum Schmelzen brachte und der dabei entstehenden Rauchentwicklung löste er indes ungewollt einen Feueralarm aus. Der sogleich anrückende Feuerwehrkommandant Kurt Reich und sein Vize, Martin Scheifele, waren erleichtert, als das Rathaus nicht in Flammen stand.
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