Tagblatt Online, 08. Januar 2010 01:02:23
Eine Schule der Wahrnehmung
Ein städtischer Schatzsucher als eine Art positiver Detektiv, der nach Schätzen fahndet, sachdienlichen Hinweisen aus der Bevölkerung nachgeht und die Geschichten hinter den Kulissen der Fundstücke freilegt. (Bild: Bild: pd)
RORSCHACH. Mit der Schaffung einer Schatzsucher-Stelle hatte der Rorschacher Stadtrat vor einem Jahr Mut bewiesen, sich auf ein ungewöhnliches Experiment einzulassen. Eine Nachlese von Mark Riklin, Soziologe und geistiger Vater der Schatzsucher-Idee.
Wäre mir vor drei, vier Jahren zu Ohren gekommen, die Stadt Rorschach habe den öffentlichen Dienst durch eine Schatzsucher-Stelle erweitert, ich hätte zweifellos an einen Scherz geglaubt. Inzwischen ist die auf ein Jahr befristete Stelle bereits Geschichte, zumindest für den Moment.
Herstellung lokaler Identität
Zwölf Monate lang beschäftigte Rorschach einen Schatzsucher, im Personenregister der Stadt eingetragen, in kündbarer Stellung mit dreimonatiger Probezeit.
Mit viel Herzblut ist Richard Lehner seiner Aufgabe nachgekommen, hat Schätze aufgespürt, ist sachdienlichen Hinweisen nachgegangen, hat die Geschichten hinter den Schätzen freigelegt und öffentlich gemacht.
Dass sich ein Teil der Bevölkerung aktiv an dieser Schatzsuche beteiligt und über 130 Schätze gemeldet hat, ist das Verdienst von Richard Lehner, dessen Bekanntheitsgrad und Präsenz im öffentlichen Leben der Stadt sich als niederschwellig erwies.
In ihm hatten Schatzhüter und Schatzmelder eine zuständige Anlaufstelle, von oberster Stelle – dem Stadtrat – eingesetzt und legitimiert. Zusehends hat sich die Wahrnehmung in Bevölkerung, Stadtrat und Medien von einer unterhaltsamen Idee zu einer ernsthaften Angelegenheit verschoben, inzwischen scheint die Idee des Schatzsuchers in den Herzen der Bevölkerung angekommen zu sein.
Immer mehr Menschen haben im Verlauf des Jahres realisiert, um was es bei dieser Schatzsuche tatsächlich geht: um eine Arbeit am kollektiven (Selbst-)Bewusstsein der Stadt und die Herstellung lokaler Identität – als Teil einer innovativen, zukunftsgerichteten Stadtentwicklung.
Sozialräumliche Archäologie
Das Rorschacher Schatzsuche-Projekt sei ein kreatives Beispiel für eine produktive, sozialräumliche Archäologie von Ressourcen, schreibt Professor Norbert Herriger, Empowerment-Experte an der Universität Düsseldorf.
Im Gegensatz zu den gängigen Gegenwartsdiagnosen, die von einem pessimistischen Grundton geprägt seien, habe ein städtischer Schatzsucher einen optimistischen Ressourcenblick auf Orte und Menschen.
Die Schatzsuche dürfe sich aber nicht in punktuellen Aktionen erschöpfen, sondern erfordere zeitliche Kontinuität, Geduld und Nachhaltigkeit, gibt Herriger zu bedenken.
Der Schatzsucher könne weiterentwickelt werden in Richtung eines Ressourcendiagnostikers, einer Art Seismograph für noch verschüttete oder ungenutzte Talente, Stärken und Kompetenzen der Bewohnerschaft.
Denkpause
Der Schatzsucher ist zu einer Institution geworden, in den Augen des Stadtpräsidenten gar zu einem «Brand», zu dem er Sorge tragen will.
Vor einem Jahr hatte er Mut bewiesen, indem er mit der Schaffung einer ungewöhnlichen Stelle ein Wagnis mit ungewissem Ausgang eingegangen ist, fehlte doch zu diesem Zeitpunkt jegliche Erfahrungsgrundlage. Ein Jahr später liegen handfeste Fakten auf dem Tisch, auf denen sich aufbauen und weiterdenken lässt. Bereits haben andere Städte aus dem deutschsprachigen Raum ihr Interesse an der Schatzsucher-Idee angemeldet.
Und auch in Rorschach ist die Schatzsuche noch lange nicht ausgeschöpft, in den Notizbüchern der Stadt stauen sich weitere Geschichten, die sich Gehör verschaffen wollen. Die vom Stadtrat beschlossene Denkpause bietet die Chance, eine Weiterführung in zugespitzter Form vorzubereiten.
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